Logo 100 Jahre Handball

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen eines besonderen Jubiläums: Am 29. Oktober 1917 wurde Handball erstmals in ein verbindliches Regelwerk gegossen, am 2. Dezember 1917 fanden in Berlin die ersten Spiele statt. Beginnend mit dem Tag des Handballs wird sich der Deutsche Handballbund dem Jubiläum „100 Jahre Handball” widmen.

Höhepunkt wird ein Festakt am 29. Oktober dieses Jahres beim Bundestag in Berlin sein. Bis dahin werden nach diesem Text auch weitere Beiträge zu den bisherigen zehn Dekaden veröffentlicht.


Missbrauchte Ideale

Der erste Superstar des Handballs war Otto Günther Kaundinya, der Deutschland als Trainer zum Olympiasieg 1936 und zu zwei WM-Titeln 1938 führte. Zugleich verkörperte er die NS-Ideologie, weshalb er nach 1945 nicht zum Vorbild taugte.

Handball und Wehrsport

Es regnete unaufhörlich. Und doch harrten die 100.000 Zuschauer auf den pitschnassen Bänken des Olympiastadions aus, als am 14. August 1936, 16.45 Uhr, das letzte Spiel des olympischen Feldhandballturniers angepfiffen wurde. Das Publikum jubelte am Ende über den klaren 10:6 (5:3)-Sieg Deutschlands gegen Österreich. Als Vater des Olympiasieges gefeiert wurde Otto Günther Kaundinya, der zwei Jahre später das Team auch zu WM-Titeln in der Halle und auf dem Feld führte.

Seit 1934 als Reichstrainer im Amt, lässt sich Kaundinya in der Tat als Schöpfer des modernen Leistungshandballs bezeichnen. Sein Lehrbuch „Das Handballspiel“ (1935) enthielt Kapitel über „Training und Leistung“ und „Sportgerechte Lebensweise“. Aus seiner Sicht war das Handballspiel zugleich kein sportlicher Selbstzweck, sondern eingebettet in eine Ideologie.

Weil diese Ideologie in das Verderben des Zweiten Weltkrieges und der Vernichtung vieler Millionen Menschen führte, illustriert dieser Kaundinya wie keine andere Figur des Handballs das moralische Fiasko, als das die Olympischen Spiele 1936 heute bewertet werden. Nur ein Jahr später propagierte der „Handball“, das offizielle Fachorgan, die großartigen Werte der Handball-Ausbildung für das Handgranatenwerfen.

Kaundinya, am 5. Juli 1900 in Erode (Indien) geboren, hatte schon in seiner Studentenzeit nach einem gedanklichen Überbau gesucht. In seinem Aufsatz „Nietzsche als Philosoph des sportlichen Jahrhunderts?“ fragte er 1927 in der Zeitschrift Die Leibesübungen nach den „inneren Beziehungen“ zwischen dem Begriff des „Sportmanns“ und des „Übermenschen“. Sein Buch „Die sportliche Leistung. Ihre biologischen, rassischen und pädagogischen Voraussetzungen“ (1936) lässt sich als ideologisches Manifest des NS-Sports lesen.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, wurden tatsächlich Handgranaten geworfen, keine Handbälle mehr. Kaundinya, der stets den Sportler als perfekten Soldaten propagiert hatte, meldete sich freiwillig zur Infanterie. Als er im Juni 1940 während des Frankreich-Feldzuges an der Aisne fiel, wurde das in den Sportzeitschriften in der Heimat als Heldentod geschildert.

Die ideologische Verblendung endete bekanntlich im Untergang. Sie wirkte nachhaltig als Mahnmal für den Missbrauch der wahren Ideale des Sports. Als der Handball nach 1945 im demokratischen Staat aufgebaut wurde, taugte Kaundinya nicht als Vorbild. Deshalb geriet die Biografie des erfolgreichsten Trainers der deutschen Handballgeschichte bald in Vergessenheit.


1917-1926: Erfindergeist

Die Sportart Handball entsteht während des Ersten Weltkrieges als Frauenspiel. Ihr Schöpfer, der Berliner Frauenturnwart Max Heiser, bietet damit eine Alternative zum Fußball an. Die Geschichte einer Leidenschaft

Max Heiser

Bevor der erste Ball flog, hatte Max Heiser einiges zu erklären. Der akkurat gekleidete Frauenturnwart aus Berlin, Weste, gestärktes weißes Hemd, schwarze Fliege, versammelte im Winter 1915/16 junge Turnerinnen aus Berlin um sich: Sie waren in eine Exerzierhalle im Berliner Nordwesten gekommen, um ein neues Spiel auszuprobieren, das Heiser sich ausgedacht hatte. Neugierig lauschten sie ihm.

Torball, wie Heiser es nannte, war eine Mixtur anderer Spiele. Die beiden Tore, 2 x 2 Meter groß, verkündete er, „habe ich vom Hockey übernommen, auch den Schusskreis. Nur dürfen Sie nur außerhalb des Kreises auf das Tor werfen.“ Andere Details waren dem Königsberger Ball und Raffball entnommen. „Und die Aufstellung ist wie im Fußball“, erklärte Heiser.

Dann legten sie mit einem Faustball los. „Mit langärmeligen, weiten Blusen, Pumphosen und langen Strümpfen bekleidet und mit einem Faustball ähnlich großen Ball bewaffnet, stellten die Damen sich zum Wettspiel bereit“, beschrieb eine Spielerin die Szenerie. Der Ball zirkulierte flott in den Reihen.

Ein Schwärmer war dieser Heiser. Und der Mann, der vor 100 Jahren Handball erfand, hätte zu seinen Lebzeiten wohl für undenkbar gehalten, dass Handball irgendwann zu den populärsten Mannschaftssportarten der Welt zählen würde. Und dass ein Jahrhundert später in Deutschland, beginnend mit dem 1. Dezember 2017, die 23. Weltmeisterschaft im Frauenhandball stattfinden würde.

Illustration: Jutta Burmeister

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten Turner nach neuen Spielalternativen für die Jugend, die ihnen wegen des Fußballs abhandenkam, entwickelt. Die Spiele trugen seltsame Namen wie Schlagball, Völkerball, Raffball, Barlauf, Faustball oder Tamburinball. 

Heiser hatte Torball zunächst mit Arbeiterinnen aus den Berliner Siemens-Werken erprobt. Das war kein Zufall. Die Turn- und Sportfunktionäre forderten ausdrücklich dazu auf, die Körper der Frauen für den Alltag in den Fabriken fit zu machen – die soziale Rolle des weiblichen Geschlechts veränderte sich während des Weltkrieges radikal, da die Männer an der Front standen. 

Andererseits war die starke Frau den an der Heimatfront verbliebenen Männern unheimlich. Heiser reagiert darauf mit einem „körperlosen Spiel“: „Jedes körperliche Angehen, jeder Angriff auf den Gegner war verboten. Wer den Ball hatte, war sein Besitzer, und der Gegner musste sich gedulden, bis auf Grund der Regeln der Gegner gezwungen war, den Ball abzugehen.“

Torball jedenfalls wurde von den Turnerinnen als abwechslungsreich und spannend empfunden – auch weil Heiser mit dem Faustball einen Hohlball einsetzte, mit dem die Spielerinnen prellen konnten. „Der flotte Verlauf des Vorführungsspiels zog viele Zuschauer an, die mit Interesse die wechselnden Bilder des Spieles verfolgten“, heißt im Bericht vom Kreisspielfest 1915 auf dem Sportplatz in Westend.

Die Vorgesetzten bei der Turnerschaft brachen keineswegs in Jubel aus. Heiser aber feilte weiter an seinem Spiel. Am 29. Oktober 1917, ab 19.30 Uhr abends, goss dann der „Ausschuss für Frauen- Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ die Heiserschen Ideen in offizielle Regeln. Einziger Tagungsordnungspunkt im Lehrervereinshaus am Alexanderplatz: „Vervollständigung und Berichtigung der Torballregeln.“ Im Manuskript der neuen Fassung waren zunächst die „Regeln für Raffball, Torball und Handball“ vorgesehen. Doch die Namen Raffball und Torball wurden handschriftlich gestrichen.

Heiser wird dafür als Vater des Handballs gefeiert. Beschlossen wurde zugleich eine „Bestimmung für die Abhaltung der Handballspiele für die Damenabteilungen des Berliner Turnraths“ für den Spielbetrieb. Am 2. Dezember 1917 wurden in einer Exerzierhalle die ersten Partien ausgetragen.

Die Deutschen Turnerschaft erkannten das Potenzial des neuen Spiels erst, als die Konkurrenz aus dem Sport (der Leichtathletikverband) den Handball zu einem männlichen Kampfspiel umfunktionierte. Erst für die Saison 1920/21 wurden Deutsche Meisterschaften ausgespielt und Mannschaftszahlen explodierten förmlich. Im Jahr 1927, nahmen bereits über 12.000 Mannschaften am Wettspielbetrieb teil, 1931 wurde Feldhandball olympisch. Heiser erlebte das nicht mehr, er starb im Januar 1921. Aber die Spielidee des Utopisten lebt bis heute.

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