Logo 100 Jahre Handball

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen eines besonderen Jubiläums: Am 29. Oktober 1917 wurde Handball erstmals in ein verbindliches Regelwerk gegossen, am 2. Dezember 1917 fanden in Berlin die ersten Spiele statt. Beginnend mit dem Tag des Handballs wird sich der Deutsche Handballbund dem Jubiläum „100 Jahre Handball” widmen.

Höhepunkt wird ein Festakt am 29. Oktober dieses Jahres beim Bundestag in Berlin sein. Bis dahin werden nach diesem Text auch weitere Beiträge zu den bisherigen zehn Dekaden veröffentlicht.


1917-1926: Erfindergeist

Die Sportart Handball entsteht während des Ersten Weltkrieges als Frauenspiel. Ihr Schöpfer, der Berliner Frauenturnwart Max Heiser, bietet damit eine Alternative zum Fußball an. Die Geschichte einer Leidenschaft

Max Heiser

Bevor der erste Ball flog, hatte Max Heiser einiges zu erklären. Der akkurat gekleidete Frauenturnwart aus Berlin, Weste, gestärktes weißes Hemd, schwarze Fliege, versammelte im Winter 1915/16 junge Turnerinnen aus Berlin um sich: Sie waren in eine Exerzierhalle im Berliner Nordwesten gekommen, um ein neues Spiel auszuprobieren, das Heiser sich ausgedacht hatte. Neugierig lauschten sie ihm.

Torball, wie Heiser es nannte, war eine Mixtur anderer Spiele. Die beiden Tore, 2 x 2 Meter groß, verkündete er, „habe ich vom Hockey übernommen, auch den Schusskreis. Nur dürfen Sie nur außerhalb des Kreises auf das Tor werfen.“ Andere Details waren dem Königsberger Ball und Raffball entnommen. „Und die Aufstellung ist wie im Fußball“, erklärte Heiser.

Dann legten sie mit einem Faustball los. „Mit langärmeligen, weiten Blusen, Pumphosen und langen Strümpfen bekleidet und mit einem Faustball ähnlich großen Ball bewaffnet, stellten die Damen sich zum Wettspiel bereit“, beschrieb eine Spielerin die Szenerie. Der Ball zirkulierte flott in den Reihen.

Ein Schwärmer war dieser Heiser. Und der Mann, der vor 100 Jahren Handball erfand, hätte zu seinen Lebzeiten wohl für undenkbar gehalten, dass Handball irgendwann zu den populärsten Mannschaftssportarten der Welt zählen würde. Und dass ein Jahrhundert später in Deutschland, beginnend mit dem 1. Dezember 2017, die 23. Weltmeisterschaft im Frauenhandball stattfinden würde.

Illustration: Jutta Burmeister

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten Turner nach neuen Spielalternativen für die Jugend, die ihnen wegen des Fußballs abhandenkam, entwickelt. Die Spiele trugen seltsame Namen wie Schlagball, Völkerball, Raffball, Barlauf, Faustball oder Tamburinball. 

Heiser hatte Torball zunächst mit Arbeiterinnen aus den Berliner Siemens-Werken erprobt. Das war kein Zufall. Die Turn- und Sportfunktionäre forderten ausdrücklich dazu auf, die Körper der Frauen für den Alltag in den Fabriken fit zu machen – die soziale Rolle des weiblichen Geschlechts veränderte sich während des Weltkrieges radikal, da die Männer an der Front standen. 

Andererseits war die starke Frau den an der Heimatfront verbliebenen Männern unheimlich. Heiser reagiert darauf mit einem „körperlosen Spiel“: „Jedes körperliche Angehen, jeder Angriff auf den Gegner war verboten. Wer den Ball hatte, war sein Besitzer, und der Gegner musste sich gedulden, bis auf Grund der Regeln der Gegner gezwungen war, den Ball abzugehen.“

Torball jedenfalls wurde von den Turnerinnen als abwechslungsreich und spannend empfunden – auch weil Heiser mit dem Faustball einen Hohlball einsetzte, mit dem die Spielerinnen prellen konnten. „Der flotte Verlauf des Vorführungsspiels zog viele Zuschauer an, die mit Interesse die wechselnden Bilder des Spieles verfolgten“, heißt im Bericht vom Kreisspielfest 1915 auf dem Sportplatz in Westend.

Die Vorgesetzten bei der Turnerschaft brachen keineswegs in Jubel aus. Heiser aber feilte weiter an seinem Spiel. Am 29. Oktober 1917, ab 19.30 Uhr abends, goss dann der „Ausschuss für Frauen- Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ die Heiserschen Ideen in offizielle Regeln. Einziger Tagungsordnungspunkt im Lehrervereinshaus am Alexanderplatz: „Vervollständigung und Berichtigung der Torballregeln.“ Im Manuskript der neuen Fassung waren zunächst die „Regeln für Raffball, Torball und Handball“ vorgesehen. Doch die Namen Raffball und Torball wurden handschriftlich gestrichen.

Heiser wird dafür als Vater des Handballs gefeiert. Beschlossen wurde zugleich eine „Bestimmung für die Abhaltung der Handballspiele für die Damenabteilungen des Berliner Turnraths“ für den Spielbetrieb. Am 2. Dezember 1917 wurden in einer Exerzierhalle die ersten Partien ausgetragen.

Die Deutschen Turnerschaft erkannten das Potenzial des neuen Spiels erst, als die Konkurrenz aus dem Sport (der Leichtathletikverband) den Handball zu einem männlichen Kampfspiel umfunktionierte. Erst für die Saison 1920/21 wurden Deutsche Meisterschaften ausgespielt und Mannschaftszahlen explodierten förmlich. Im Jahr 1927, nahmen bereits über 12.000 Mannschaften am Wettspielbetrieb teil, 1931 wurde Feldhandball olympisch. Heiser erlebte das nicht mehr, er starb im Januar 1921. Aber die Spielidee des Utopisten lebt bis heute.

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