Logo 100 Jahre Handball

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen eines besonderen Jubiläums: Am 29. Oktober 1917 wurde Handball erstmals in ein verbindliches Regelwerk gegossen, am 2. Dezember 1917 fanden in Berlin die ersten Spiele statt. Beginnend mit dem Tag des Handballs widmet sich der Deutsche Handballbund dem Jubiläum „100 Jahre Handball”.

Höhepunkt wird ein Festakt am 29. Oktober dieses Jahres beim Bundestag in Berlin sein. Bis dahin werden nach diesem Text auch weitere Beiträge zu den bisherigen zehn Dekaden veröffentlicht.


Freunde

Der Unfall des Joachim Deckarm im Jahr 1979 schockte die Handballwelt. Die Weltmeister von 1978 kümmerten sich danach rührend um ihren Weggefährten. Eine Geschichte über Freundschaft.

Deckarm-Unfall. - Foto: Sporthilfe-Buch

Ein Zusammenprall. Ein Sturz. Und dann lag Joachim Deckarm, 25, auf dem Boden und wurde behandelt. „Der Jo ist hart im Nehmen, der steht gleich wieder auf“, dachten seine Mitspieler vom VfL Gummersbach, die an diesem 30. März 1979 ihr Halbfinalrückspiel im Europapokal der Pokalsieger bei Banyasz Tatabánya austrugen. So auch der erste Gedanke von Heiner Brand, Kapitän der Mannschaft. Aber der Freund stand nicht auf. Und als sie die Reaktionen ihres Torwarts Valentin Markser, einem angehenden Arzt, und des Physiotherapeuten Günter Wrona vernahmen, wurde ihnen bewusst, „wie schlimm es um Joachim stehen musste“. 

Deckarm, der schon in der Luft das Bewusstsein verloren hatte, war mit dem Kopf ungebremst auf den nur mit einer PVC-Schicht überzogenen Zementboden gestürzt. Er erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und fiel ins Koma. Bis endlich ein Arzt kam, dauerte es eine Ewigkeit. Dann wurde Deckarm unter abenteuerlichen Umständen ins 60 Kilometer entfernte Budapest transportiert und operiert. Derweil herrschte pure Angst in der Mannschaftskabine von Tatabánya. Nach der Falschmeldung, ihr Freund sei tot, flossen Tränen der Verzweiflung.

Es war der schlimmste Unfall in der Geschichte des Handballs, der viele Konsequenzen nach sich zog. Diejenigen Kritiker, die das Spiel immer als zu brutal eingestuft hatten, fühlten sich bestätigt. Ihre Argumente waren zwar dünn, weil dem Zusammenprall nicht einmal ein Foul zugrunde lag. Aber das Regelwerk wurde tatsächlich geändert. Das so genannte „Festmachen“, das Klammern des Gegners, wurde verboten.

Doch auch sportlich klaffte nach dem Unfall eine riesige Lücke. Ohne den Halblinken wäre der Aufstieg der Nationalmannschaft, der mit dem märchenhaften WM-Titel 1978 in Dänemark geendet hatte, nicht möglich gewesen. „Es war fantastisch, von hinten anzusehen, wie hoch der Jo über der gegnerischen Deckung stand“, schwärmt Torwart Manfred Hofmann heute noch von dem legendären Olympiaqualifikationsspiel 1975 gegen die DDR, als der Stern des Joachim Deckarm aufging. „Joachim war damals der einzige Spieler, der aus dem Rückraum mit individuellen Aktionen Tore machen konnte“, erinnert sich Brand.

Deckarm, dessen Athletik und Individualität alles überragte, bildete jedenfalls das Zentrum des jungen Teams, das Bundestrainer Valdo Stenzel aufgebaut hatte. Als der Unfall in Tatabánya geschah, war der Saarbrücker der wohl beste Handballer auf dem Planeten. Aber das war nicht alles. Er präsentierte sich auch als Vorbild auch außerhalb des Feldes, als großer Sportsmann. „Vlado legte großen Wert auf selbstbewusste, charakterstarke Spieler, die sich den Mannschaftsgedanken zu Eigen machten und wussten, dass Teamgeist über alles geht“, so beschreibt Horst Spengler, der Kapitän der Weltmeister von 1978, die Idee der Kaderzusammenstellung.

Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Zusammenhalts, die Deckarms Geschichte beschreibt, hatte also schon vor dem Unfall begonnen. Die vielen gemeinsamen Trainingseinheiten, Spiele und Erfolge hatten die Weltmeister von 1978 auf ungewöhnliche Art und Weise zusammengeschweißt. „Nur weil wir Freunde sind, wurden wir Weltmeister“, sagte Joachim Deckarm vor seinem Unfall 1979.

Wie eng diese Verbindung war, zeigte sich schon in Tatabánya. Weltmeister Claus Fey und Markser blieben nach dem Unfall in Ungarn, um dem Freund in der schwersten Zeit beizustehen. Nach der Verlegung Deckarms in die Uniklinik Köln bekam Deckarm oft Besuch von seinen Kollegen aus Gummersbach und aus der Nationalmannschaft, die ihm einfach bei ihm sein wollten. Und die mit ihm redeten, ohne zu wissen, ob er sie hören würde.

Nach 131 Tagen wachte Deckarm aus dem Koma auf. „Ich werde nie vergessen, wie wir die Nachricht bekamen“, berichtet Heiner Brand in seiner Autobiografie. Gemeinsam mit Claus Fey machte er sich auf den Weg, um Deckarm zu besuchen. Am Krankenbett angekommen, erkannten sie schlagartig, dass ihr Freund nie wieder in den Leistungssport zurückkehren würde. „Draußen auf dem Flur hatten Claus und ich mit unseren Gefühlen und der Enttäuschung zu kämpfen. Wir haben geweint.“

Die Anteilnahme war enorm, im gesamten deutschen Sport. „Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft nach dem Unfall“, erinnert sich Brand. Und die Handballer schworen sie sich, ihrem langjährigen Weggefährten so gut es geht zu helfen. Bald trat eine Weltauswahl in der Westfalenhalle gegen den VfL Gummersbach an, um die teuren Behandlungen und die Betreuung Deckarms zu finanzieren, Stars wie Istschenko, Stinga und Klempel kamen, um zu helfen. Die Deutsche Sporthilfe richtete 1980 einen Hilfsfonds zugunsten des verunfallten Sportlers ein. Deckarm, schwer hirngeschädigt, arbeitete verbissen in seiner Rehabilitation.

Die Vorbildfunktion, die er auf dem Feld stets verkörperte hatte, bewies er nun auch in seinem „zweiten Leben“. Deckarms große Entschlossenheit könne man gar nicht überbewerten, sagt Brand. „Es ist toll, was er nach seinem Unfall geleistet hat, wie er sich gegen alle Widerstände und nach dem langen Koma wieder ins Leben zurückgekämpft hat.“ Es war geradezu logisch, dass Deckarm im Mai 2013 als „vorbildlicher Kämpfer“ in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports gewählt wurde.

Vorbildlich war auch die Fürsorge der Mitspieler. Die Weltmeister von 1978 kümmern sich bis heute rührend um ihren Anführer von damals. Nicht nur Brand, schon in der aktiven Zeit einer der engsten Freunde Deckarms, hat über die Jahrzehnte den Kontakt gehalten. Oft hat er Deckarm besucht. „Wenn wir telefonieren, dann scherzen wir oft“, sagt Brand. Deckarm habe viel Selbstironie, mache Witze über seine Aussprache.

Rudolf Spengler, der Co-Trainer des Wunders von Kopenhagen, organisierte mit seinem Sohn über Jahrzehnte hinweg Spiele der Weltmeistermannschaft von 1978, deren Erlöse in den Deckarm-Fonds flossen (dafür wurden Vater und Sohn mit dem Hessischen Verdienstorden am Bande ausgezeichnet). Inzwischen hat Brand den Vorsitz des Deckarm-Fonds übernommen. Bis heute trifft sich die Mannschaft 1978 regelmäßig. Der WM-Titel von 1978 hat auch andere Freundschaften fürs Leben entstehen lassen, etwa zwischen Heiner Brand und Kurt Klühspies oder zwischen Jimmy Waltke und dem leider schon verstorbenen Torwart Rainer Niemeyer.

In einem Buch, das die Deutsche Sporthilfe im Jahr 2009 herausgab, werden die zwei Leben des Joachim Deckarm beschrieben: die sportliche Karriere des Ausnahme-Handballer vor dem 30. März 1979, und der große Kampf des Reha-Patienten nach dem Unfall. Der Titel dieses Buches lautet „Teamgeist“, um die enge Verbundenheit der Weltmeister von 1978 untereinander zu beschreiben. Ein treffender Titel. Aber das Buch hätte genauso gut „Freunde“ heißen können.


Premieren-Gewitter

Das erste Frauen-Turnier in der Geschichte der Hallen-Weltmeisterschaften, 1957 in Jugoslawien, fand tatsächlich draußen statt. Christa Hoffmann (Hamburg) und Inge Lirka (Berlin) waren dabei – und amüsieren sich heute über die Frage nach Trainingsplänen.

Stadion Tasmajdan in Belgrad

Trainingspläne? Da huscht Christa Hoffmann doch ein leises Lächeln über das Gesicht. Diese Vokabel habe in den Monaten vor der 1. IHF-Weltmeisterschaft in Jugoslawien (13. bis 20. Juli 1957) nicht zu ihrem Wortschatz gezählt, amüsiert sich Hoffmann. „Beim DHB gab es das noch nicht“, sagt Hoffmann, seinerzeit unter ihrem Mädchennamen Warns eine der besten Angreiferinnen in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB). „Wir haben ja damals überhaupt sehr wenig trainiert“, erzählt Hofmann, Jahrgang 1935, an einem klirrend kalten Wintertag in ihrer Wohnung im Norden Hamburgs. „Höchstens einmal die Woche. Ansonsten haben wir privat etwas gemacht. Ich bin zum Beispiel durch den Stadtpark gelaufen, habe mir da die Kondition geholt.“

Hofmanns Kollegin Inge Lirka (geb. Walther), die älteste deutsche WM-Teilnehmerin von 1957, schmunzelt ebenfalls. „Training im Hallenhandball? Das gab es gar nicht“, sagt die Regisseurin, Jahrgang 1923, die sich noch gut über die karge Nachkriegs-Infrastruktur in Berlin erinnert. „In Berlin-Spandau gab es eine Halle, und dann hatten die Engländer noch eine, da durften wir auch manchmal rein.“ Was beide ebenfalls eint: Sie schauen voller Vorfreude auf ihre Nachfolgerinnen bei den 23. IHF-Weltmeisterschaften der Frauen, die am 17. Dezember 2017 mit dem Finale in der Hamburger Barclaycard Arena ihren Abschluss finden wird.

Beide haben Agenten der Erinnerung an ihre große Zeit aufbewahrt. Vor Hoffmann liegt ein ganzer Karton mit Medaillen, die sie für den DHB und den Eimsbütteler TV einheimste. Acht Mal wurde sie Deutscher Meister, 1956 gewann sie die Vize-Weltmeisterschaft im Feldhandball, 1965 holte sie mit der DHB-Auswahl Bronze bei der ersten Hallen-WM der Frauen in der Bundesrepublik. Da sind viele Zeitungsausschnitte und Fotografien in schwarz-weiß. Jeder Text und jedes Bild eine Erinnerung.

Hoffmann war, obwohl erst 21 Jahre alt, schon seit zwei Jahren Nationalspielerin, als es im Sommer 1957 zum WM-Turnier ging, das heute in der offiziellen Statistik als Hallen-WM-Premiere notiert wird. Gespielt wurde tatsächlich auf dem Kleinfeld, und zwar im Tasmajadan-Stadion in Belgrad, das 10.000 Fans fasste und als schönste Kleinfeld-Arena der Welt betrachtet wurde (und in einem zweiten Ort namens Virovitica). „Ich war noch so jung“, sagt Hoffmann. „Diese Reise war natürlich für mich sehr, sehr aufregend.“ Sie alle hätten ja noch den Zweiten Weltkrieg im Kopf, sagt Lirka. „Ins Ausland zu fahren, das war für uns alle wie eine Erlösung. Eine Sensation.“

Eine echte sportliche Vorbereitung gab es also nicht. Vor der WM wurde nicht ein einziges Länderspiel (!) auf dem Kleinfeld ausgetragen. Trainer Hans Geilenberg und Frauen-Spielwart Friedel auf dem Graben luden Ende Mai/Anfang Juni 1957 lediglich zu einem fünftägigen Lehrgang im Westen. Allerdings ohne Christa Warns, wie sie damals noch hieß. Sie musste arbeiten. „Ich war froh, dass ich überhaupt die zwei Wochen Urlaub für die WM bekommen habe“, erzählt sie.

Drei Tage vor der Abreise trafen sie sich in München. „Da ging es eigentlich nicht um Training, sondern mehr darum, dass wir uns alle kennenlernten, wir Berlinerinnen waren ja vorher so gut wie abgeschnitten vom Rest“, berichtet Lirka. Am 12. Juli 1957 bestiegen 14 Spielerinnen am Münchener Hauptbahnhof den „Tauern-Express“ nach Belgrad. (Einen Flug konnte sich der DHB nicht leisten.) Hinzu kamen Trainer und Spielwart und Delegationsleiter Franz Pabst, das war es. Ein Arzt oder ein Masseur fuhr nicht mit. Dabei hätte Warns einen Mediziner gut gebrauchen können, da ihre Achillessehne schmerzte. Sie musste mit einem Spezialschuh spielen.

Angekommen in Belgrad, half ein jugoslawischer Sportarzt. Überhaupt zeigte sich der Gastgeber überaus hilfsbereit und freundlich. Die Unterkunft in einem Studentenheim, in dem auch die Tschechoslowakinnen wohnten, war allerdings kein „Schlaraffia“, wie die Deutsche Handballwoche recherchierte. „Wir hatten eine grottenschlechte Unterkunft, jedenfalls für heutige Verhältnisse. Wir wohnten zu acht oder zehn Mädchen auf einem Zimmer. Und es gab keine Schränke, wo wir unsere Sachen aufbewahren konnten“, erinnert sich Hoffmann. „Aber es war sehr lustig und hatten sehr viel Spaß.“

Das Turnier mit einem Feld von neun Nationen verlief nach Plan. Die Deutschen, obwohl aus dem größten Verband stammend, zählten nicht zu Favoritinnen – die kamen aus dem Ostblock, wo das Wort Trainingsplan schon länger geläufig war und ein gewisser Drill herrschte. Physisch waren diese Spielerinnen überlegen, meinte der Fachjournalist Hanns Apfel: „Nationen wie die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Polen und Rumänien besaßen eine derart beängstigend gute Kondition, dass sie mühelos die zusätzliche Belastung täglichen Trainings, das bei ungewöhnlicher Hitze alles andere als eine erholsame Angelegenheit war, als selbstverständlich schluckten, indes die ‚Touristen‘ aus Schweden, Dänemark und Deutschland mit leichtem Marschgepäck auf der Stelle traten.“

Das erste WM-Spiel gewann die DHB-Auswahl dennoch gegen die Polinnen (7:4), die kurzfristig für Frankreich eingesprungen waren. Im zweiten Vorrundenspiel jedoch setzte es die erste Niederlage gegen den Gastgeber (6:7), obwohl die beiden deutschen Torhüterinnen Rosi Schöne (Post SV München) und Helga Drechsler (OSC Berlin) je zwei Siebenmeter parierten. Grund: die denkwürdigen äußeren Bedingungen im Tasmajdan. Der Platz sei rasenfrei und habe „einen Ziegelmehlbelag, der elastisch fest ist, ohne hart zu sein und sehr wasseraufnahmefreudig“, hatte der Chef des Organisationskomitees vorher gerühmt. „Ich glaube, dass Spielerinnen werden zufrieden sein werden, denn er ermüdet nicht so sehr wie ausgesprochene Hartplätze oder Rasenflächen.“

Doch bei dem Gewitter, das an diesem 15. Juli aufzog, kapitulierte auch der Super-Boden. „Klatschnass bis auf die Haut, mit Korkenzieherlöckchen, die sich auf engstem Raum zusammengezogen hatten, fegten Deutschlands und Jugoslawiens Nationalspielerinnen durch Wirbelsturm und Gewitterregen, in der Hoffnung, der Schlusspfiff möge sich erlösen“, wurde aus Belgrad berichtet. Herbert Zimmermann, der legendäre Hörfunk-Reporter des NDR, hatte am Spielfeldrand große Mühe mit seiner Ton-Technik.

Gut drei Minuten vor Schluss musste der Schiedsrichter unterbrechen. „Wurfkreis und Freiwurfmarkierungen waren hinweggeschwemmt und so ein einwandfreies Spiel nicht mehr möglich. So mussten die nassen Katzen nach halbstündiger Unterbrechung wieder in die aufgeweichte Arena, wie das Reglement es befiehlt.“ Am Ende blieb das 6:7-Anschlusstreffer per „Bauchrutscher“ durch Trudi Hannen (Düsseldorf) das letzte Tor. Lange war unklar, ob das Spiel überhaupt gewertet werden würde.

Am Ende unterlagen die Handballerinnen auch im Spiel um Platz Drei dem ehrgeizigen Gastgeber Jugoslawien (6:9), derweil die Tschechoslowakinnen den ersten „Hallen“-Titel gewannen. Schelte gab es wegen der verpassten Medaille in der deutschen Presse nicht. Warum auch? Sie hatten ja kaum trainiert.

Die Teilnehmerinnen bei der I. IHF-Weltmeisterschaft 1957

Tor: Rosi Schöne (Post SV München), Helga Drechsler (OSC Berlin)
Feld: Inge Walter (Berliner SV 92), Uta Samulewicz (TuS Lichterfelde), Hertha Rückriem (Post SV München), Ursel Kusserow (Reinickendorfer Füchse), Waltraud Kühl (Bayer Leverkusen), Trudi Hannen (SV 04 Düsseldorf), Ursel Burmeister (Eimsbütteler TV), Christa Warns (Eimsbütteler TV), Anneliese Götz (Stuttgarter Kickers), Margret Loch (RSV Mülheim), Helga Reiche (Reinickendorfer Füchse), Christa Dose (Union Hamburg)


Kalorienspiele

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die besten Handballer aufs Land, um ihren Hunger zu stillen. Davon erzählt das Tagebuch des Kieler Abwehrspielers Heinz-Georg Sievers, der später mit Hein Dahlinger die Weltmeisterschaft gewann.

THW-Legende Hein Dahlinger in Aktion

Die Zukunft des THW Kiel begann in Ostwestfalen. Die „Zebras“ befanden sich auf ihrer Bahnreise nach Oberhausen, zum Endspiel um die Deutsche Feldhandball-Meisterschaft, als sie bei ihren Stopps größere Tumulte bemerkten. „Bei Minden stellten wir durch den großen Menschenauflauf fest, dass die Währungsreform eingetreten war“, berichtete THW-Obmann Robert Lehmann über die Einführung der D-Mark an diesem 20. Juni 1948.

Im Zug saßen viele Handballer, die 1945, nach dem Krieg, als Soldat in die zerstörte Heimat zurückgekehrt waren. Darunter auch der große Hein Dahlinger und Heinz-Georg Sievers, die 1952 gemeinsam Feldhandball-Weltmeister wurden. Als Sievers von der neuen Währung hörte, erinnerte er sich an die schweren Monate nach dem Krieg, die er in einem Tagebuch verewigt hatte. „Ich will versuchen, wenigstens einiges nicht so schwer zu nehmen“, nahm er sich damals vor. 

Sievers‘ Notizen sind eine dichte Erzählung der Not in den Nachkriegsjahren. Als sie im August 1946 auf der Ladefläche eines LKW zu einem Freundschaftsspiel aufs Dithmarscher Land fuhren, regierte der Hunger die Gedanken. „Wir erreichen Marschboden und der Anblick satter Weiden und fetter Milchkühe lässt uns, was Calorien angeht, allerhand erhoffen“, schrieb Sievers. Die Handballer wurden auf verschiedene Bauernhöfe verteilt. „Ich erwische einen Teller Grütze und Milch und esse mich satt“, notierte Sievers. Auch am Spieltag schrieb Sievers über die Umstände der „Kalorienspiele“, wie die Menschen diese Auftritte großer Sportler damals nannten. „Ich esse Schweinebraten, diverse Gemüse, Gurkensalat, Nudelsuppe und Pudding und von allem so viel ich will.“

Am 21. Juni 1948 ging es in Oberhausen nicht mehr um den Hunger, sondern um die Ehre. Er habe „noch kein schöneres Spiel gesehen“, lobte nach dem Kieler Finalsieg gegen den SV Waldhof Mannheim (10:8) der Sportfunktionär Willi Daume, der am 1. Oktober 1949 zum ersten Präsident des DHB gewählt wurde. Der Feldhandball erlebte danach seine größte Blüte. Höhepunkt: die WM 1955 im eigenen Land, als die DHB-Auswahl vor 50.000 Fans im Stadion Rote Erde den WM-Titel gewann.

Die Rückreise des neuen Meisters verlief, da die Reichsmark ungültig war, beschwerlich. Die Spirituosen für die Rückfahrt leierten sie dem Oberbürgermeister Oberhausens aus dem Kreuz. In Kiel angekommen, feierten Tausende Fans den THW, die Gratulationen nahmen kein Ende. Doch die Handballer interessierten sich in diesem Moment mehr für den Stopfkuchen, der beim Empfang auf dem Tisch stand. „Das war uns ausgehungerter Gesellschaft“, erzählte Dahlinger später, „mehr wert als der ganze Rummel.“


Missbrauchte Ideale

Der erste Superstar des Handballs war Otto Günther Kaundinya, der Deutschland als Trainer zum Olympiasieg 1936 und zu zwei WM-Titeln 1938 führte. Zugleich verkörperte er die NS-Ideologie, weshalb er nach 1945 nicht zum Vorbild taugte.

Handball und Wehrsport

Es regnete unaufhörlich. Und doch harrten die 100.000 Zuschauer auf den pitschnassen Bänken des Olympiastadions aus, als am 14. August 1936, 16.45 Uhr, das letzte Spiel des olympischen Feldhandballturniers angepfiffen wurde. Das Publikum jubelte am Ende über den klaren 10:6 (5:3)-Sieg Deutschlands gegen Österreich. Als Vater des Olympiasieges gefeiert wurde Otto Günther Kaundinya, der zwei Jahre später das Team auch zu WM-Titeln in der Halle und auf dem Feld führte.

Seit 1934 als Reichstrainer im Amt, lässt sich Kaundinya in der Tat als Schöpfer des modernen Leistungshandballs bezeichnen. Sein Lehrbuch „Das Handballspiel“ (1935) enthielt Kapitel über „Training und Leistung“ und „Sportgerechte Lebensweise“. Aus seiner Sicht war das Handballspiel zugleich kein sportlicher Selbstzweck, sondern eingebettet in eine Ideologie.

Weil diese Ideologie in das Verderben des Zweiten Weltkrieges und der Vernichtung vieler Millionen Menschen führte, illustriert dieser Kaundinya wie keine andere Figur des Handballs das moralische Fiasko, als das die Olympischen Spiele 1936 heute bewertet werden. Nur ein Jahr später propagierte der „Handball“, das offizielle Fachorgan, die großartigen Werte der Handball-Ausbildung für das Handgranatenwerfen.

Kaundinya, am 5. Juli 1900 in Erode (Indien) geboren, hatte schon in seiner Studentenzeit nach einem gedanklichen Überbau gesucht. In seinem Aufsatz „Nietzsche als Philosoph des sportlichen Jahrhunderts?“ fragte er 1927 in der Zeitschrift Die Leibesübungen nach den „inneren Beziehungen“ zwischen dem Begriff des „Sportmanns“ und des „Übermenschen“. Sein Buch „Die sportliche Leistung. Ihre biologischen, rassischen und pädagogischen Voraussetzungen“ (1936) lässt sich als ideologisches Manifest des NS-Sports lesen.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, wurden tatsächlich Handgranaten geworfen, keine Handbälle mehr. Kaundinya, der stets den Sportler als perfekten Soldaten propagiert hatte, meldete sich freiwillig zur Infanterie. Als er im Juni 1940 während des Frankreich-Feldzuges an der Aisne fiel, wurde das in den Sportzeitschriften in der Heimat als Heldentod geschildert.

Die ideologische Verblendung endete bekanntlich im Untergang. Sie wirkte nachhaltig als Mahnmal für den Missbrauch der wahren Ideale des Sports. Als der Handball nach 1945 im demokratischen Staat aufgebaut wurde, taugte Kaundinya nicht als Vorbild. Deshalb geriet die Biografie des erfolgreichsten Trainers der deutschen Handballgeschichte bald in Vergessenheit.


1917-1926: Erfindergeist

Die Sportart Handball entsteht während des Ersten Weltkrieges als Frauenspiel. Ihr Schöpfer, der Berliner Frauenturnwart Max Heiser, bietet damit eine Alternative zum Fußball an. Die Geschichte einer Leidenschaft

Max Heiser

Bevor der erste Ball flog, hatte Max Heiser einiges zu erklären. Der akkurat gekleidete Frauenturnwart aus Berlin, Weste, gestärktes weißes Hemd, schwarze Fliege, versammelte im Winter 1915/16 junge Turnerinnen aus Berlin um sich: Sie waren in eine Exerzierhalle im Berliner Nordwesten gekommen, um ein neues Spiel auszuprobieren, das Heiser sich ausgedacht hatte. Neugierig lauschten sie ihm.

Torball, wie Heiser es nannte, war eine Mixtur anderer Spiele. Die beiden Tore, 2 x 2 Meter groß, verkündete er, „habe ich vom Hockey übernommen, auch den Schusskreis. Nur dürfen Sie nur außerhalb des Kreises auf das Tor werfen.“ Andere Details waren dem Königsberger Ball und Raffball entnommen. „Und die Aufstellung ist wie im Fußball“, erklärte Heiser.

Dann legten sie mit einem Faustball los. „Mit langärmeligen, weiten Blusen, Pumphosen und langen Strümpfen bekleidet und mit einem Faustball ähnlich großen Ball bewaffnet, stellten die Damen sich zum Wettspiel bereit“, beschrieb eine Spielerin die Szenerie. Der Ball zirkulierte flott in den Reihen.

Ein Schwärmer war dieser Heiser. Und der Mann, der vor 100 Jahren Handball erfand, hätte zu seinen Lebzeiten wohl für undenkbar gehalten, dass Handball irgendwann zu den populärsten Mannschaftssportarten der Welt zählen würde. Und dass ein Jahrhundert später in Deutschland, beginnend mit dem 1. Dezember 2017, die 23. Weltmeisterschaft im Frauenhandball stattfinden würde.

Illustration: Jutta Burmeister

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten Turner nach neuen Spielalternativen für die Jugend, die ihnen wegen des Fußballs abhandenkam, entwickelt. Die Spiele trugen seltsame Namen wie Schlagball, Völkerball, Raffball, Barlauf, Faustball oder Tamburinball. 

Heiser hatte Torball zunächst mit Arbeiterinnen aus den Berliner Siemens-Werken erprobt. Das war kein Zufall. Die Turn- und Sportfunktionäre forderten ausdrücklich dazu auf, die Körper der Frauen für den Alltag in den Fabriken fit zu machen – die soziale Rolle des weiblichen Geschlechts veränderte sich während des Weltkrieges radikal, da die Männer an der Front standen. 

Andererseits war die starke Frau den an der Heimatfront verbliebenen Männern unheimlich. Heiser reagiert darauf mit einem „körperlosen Spiel“: „Jedes körperliche Angehen, jeder Angriff auf den Gegner war verboten. Wer den Ball hatte, war sein Besitzer, und der Gegner musste sich gedulden, bis auf Grund der Regeln der Gegner gezwungen war, den Ball abzugehen.“

Torball jedenfalls wurde von den Turnerinnen als abwechslungsreich und spannend empfunden – auch weil Heiser mit dem Faustball einen Hohlball einsetzte, mit dem die Spielerinnen prellen konnten. „Der flotte Verlauf des Vorführungsspiels zog viele Zuschauer an, die mit Interesse die wechselnden Bilder des Spieles verfolgten“, heißt im Bericht vom Kreisspielfest 1915 auf dem Sportplatz in Westend.

Die Vorgesetzten bei der Turnerschaft brachen keineswegs in Jubel aus. Heiser aber feilte weiter an seinem Spiel. Am 29. Oktober 1917, ab 19.30 Uhr abends, goss dann der „Ausschuss für Frauen- Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ die Heiserschen Ideen in offizielle Regeln. Einziger Tagungsordnungspunkt im Lehrervereinshaus am Alexanderplatz: „Vervollständigung und Berichtigung der Torballregeln.“ Im Manuskript der neuen Fassung waren zunächst die „Regeln für Raffball, Torball und Handball“ vorgesehen. Doch die Namen Raffball und Torball wurden handschriftlich gestrichen.

Heiser wird dafür als Vater des Handballs gefeiert. Beschlossen wurde zugleich eine „Bestimmung für die Abhaltung der Handballspiele für die Damenabteilungen des Berliner Turnraths“ für den Spielbetrieb. Am 2. Dezember 1917 wurden in einer Exerzierhalle die ersten Partien ausgetragen.

Die Deutschen Turnerschaft erkannten das Potenzial des neuen Spiels erst, als die Konkurrenz aus dem Sport (der Leichtathletikverband) den Handball zu einem männlichen Kampfspiel umfunktionierte. Erst für die Saison 1920/21 wurden Deutsche Meisterschaften ausgespielt und Mannschaftszahlen explodierten förmlich. Im Jahr 1927, nahmen bereits über 12.000 Mannschaften am Wettspielbetrieb teil, 1931 wurde Feldhandball olympisch. Heiser erlebte das nicht mehr, er starb im Januar 1921. Aber die Spielidee des Utopisten lebt bis heute.

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