Logo 100 Jahre Handball

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen eines besonderen Jubiläums: Am 29. Oktober 1917 wurde Handball erstmals in ein verbindliches Regelwerk gegossen, am 2. Dezember 1917 fanden in Berlin die ersten Spiele statt. Beginnend mit dem Tag des Handballs widmet sich der Deutsche Handballbund dem Jubiläum „100 Jahre Handball”.

Höhepunkt wird ein Festakt am 29. Oktober dieses Jahres beim Bundestag in Berlin sein. Bis dahin werden nach diesem Text auch weitere Beiträge zu den bisherigen zehn Dekaden veröffentlicht.


Auf allen Kanälen

Die Heim-WM 2007 war für den Handball eine Zäsur: Als über 21 Millionen Zuschauer dem Finale zuschauten, hob das die Sportart in der deutschen Öffentlichkeit auf eine neue Stufe. 

Heiner Brand. - Foto: Sammlung Eggers

Es gab diesen Moment, der ihnen schlagartig klarmachte, dass mit dem Handball in Deutschland etwas völlig Neues passierte. Etwas, was in dieser Form noch nie dagewesen war. Christian Schwarzer, Torsten Jansen, Henning Fritz & Co. wurde dies am 26. Januar 2007 bewusst, als Bundestrainer Heiner Brand in der Sportschule Kaiserau bei Dortmund, am Tag vor der Hauptrundenpartie der XX. Weltmeisterschaft gegen Frankreich, die obligatorische Pressekonferenz abhielt.

Die Profis saßen nur 50 Meter davon entfernt und warteten auf das Ende, um ihrerseits den Medienvertretern für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Irgendwann registrierten sie, dass die Pressekonferenz mit dem Bundestrainer im Fernsehen zu sehen war. Live. „Wir haben dann durch die Kanäle gezappt“, erzählt der damalige Torhüter Henning Fritz. „Und fast überall wurde diese Pressekonferenz live übertragen. Das fanden wir so irre. Das hatte es noch nie gegeben. Da haben wir uns plötzlich wie die Fußballer gefühlt.“

In der Tat explodierte die Aufmerksamkeit für den Handball in diesen Wochen der Heim-Weltmeisterschaft. Nach dem Eröffnungsspiel waren die deutschen Profis noch unerkannt mit dem ICE von Berlin nach Bielefeld gefahren. Nur zwei Wochen später schauten, als das Finale in der Kölnarena angepfiffen wurde, vor den TV-Geräten in der Spitze 21 Millionen Deutsche zu, wie die DHB-Auswahl gegen Polen mit dem 29:24-Sieg zum dritten Mal den Titel gewann. Die Quote lag bei sensationellen 58,3 Prozent. Nie seit Einführung des Privatfernsehens in den 1980er-Jahren hatten so viele Zuschauer einem Handballspiel zugesehen.

Die WM 2007 war also nicht nur ein sportliches „Wintermärchen“ für den deutschen Handball, sondern auch ein mediales. Nach der WM stiegen die Mitgliederzahlen im Deutschen Handballbund, da die Kids nun Vorbildern wie Pascal „Pommes“ Hens und Henning Fritz nacheifern wollten, auf einen Rekordwert (auf 840.000 im Jahr 2009). Neue Sponsoren interessierte sich plötzlich für den Handball. Die Bundesliga konnte die TV-Erlöse erhöhen. Es kamen auch deutlich mehr Zuschauer zu den Bundesliga-Spielen.

Wie zentral die mediale Rezeption in der Moderne ist, hatte der Stadtplaner Georg Franck 1998 in seinem wegweisenden Buch „Die Ökonomie der Aufmerksamkeit“ erläutert. Nicht mehr nach Reichtum oder nach Macht strebten die Menschen, erklärte Franck, vielmehr speise sich das Selbstwertgefühl inzwischen aus Beachtung. Franck kategorisierte die Aufmerksamkeit, die mit der Ökonomie des Geldes konkurriere, in vier Teilbereiche: Prestige, Reputation, Prominenz und Ruhm.

Wer um Prestige und Reputation ringe, benötige große Präsenz in den Medien. Die unendlich vielen Möglichkeiten der medialen Präsenz konnte sich Franck vor knapp zwei Jahrzehnten freilich noch nicht ausmalen. Wer etwas gelten will, muss heute nicht mehr nur im Rundfunk oder in den Spalten der Zeitungen hörbar oder sichtbar sein. Er muss auch in den sozialen Medien permanent präsent sein, beim Kurznachrichtendienst Twitter, bei Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und auf anderen Plattformen.

Der unerwartete Boom während der WM 2007 hatte mehrere Gründe. Das Turnier profitierte zweifellos stark von der Fußball-WM 2006, als die Deutschen erstmals nationale Symbole mit fröhlicher Leichtigkeit gefeiert hatten. Da war ganz offensichtlich eine neue Sehnsucht nach einem Gemeinschaftsgefühl. Überall wehten nun auch in den Handball-Arenen Fahnen in Schwarz, Rot und Gold.

Henning Fritz ist noch in lebhafter Erinnerung, was diese Atmosphäre mit ihm anstellte. „Plötzlich sangen alle Fans vor dem Spiel die Hymne, auch das war neu“, sagt er. „Als die 20.000 Zuschauer in der Kölnarena vor dem Spiel die Hymne geschmettert haben, hat mir das eine große Energie gegeben.“ Michael Kraus sagte: „Die Stimmung war wie in Stuttgart zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft, nur dass alle Winterjacken anhatten.“

Diese regelrechte Handball-Euphorie wäre, dies andererseits, ohne die große Präsenz in den Öffentlich-Rechtlichen Sendern kaum denkbar gewesen. Das ZDF strahlte während der Weltmeisterschaft über 600 Berichte aus, die ARD über 500, hinzu kamen Nachrichtensender wie N24 (393 Handballberichte) und n-tv (362), insgesamt wurden während der WM fast 4.000 TV-Berichte gezählt.

Erst der Vergleich mit anderen großen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft macht deutlich, wie ungewöhnlich hoch diese Aufmerksamkeit war. Als die Auswahl von Vlado Stenzel im Februar 1978 sensationell den WM-Titel gewann, hatte das ZDF drei Minuten vor Anpfiff nach Kopenhagen geschaltet – und die beiden Hauptrundenspiele gegen die DDR und gegen Rumänien wurden nur (zum Ärger der Fans) zeitversetzt bzw. nur in der zweiten Halbzeit live gesendet.

Der Titel bei der EM 2004 wiederum lief nicht bei ARD und ZDF, sondern beim Spartensender DSF, dem Vorläufer von Sport1, bei dem „nur“ rund fünf Millionen Zuschauer zuschalteten. Eine höhere Aufmerksamkeit erzielte schon das legendäre olympische Viertelfinale 2004 gegen Spanien, als beim abschließenden Siebenmeter-Werfen rund acht Millionen Fans mitfieberten. Die 16 Millionen TV-Zuschauer im Schnitt vom WM-Finale 2007 aber sind bis heute unerreicht. Selbst das EM-Finale 2016 gegen Spanien lag mit knapp 13 Millionen Zuschauern im Schnitt deutlich darunter.

Wie stark eine derart breite Berichterstattung im Fernsehen das Interesse an der Sportart Handball verändern kann, zeigten Marktforschungsanalysen aus dem Jahr 2007. Vor der WM hatten sich laut Marktforschungsinstituten 56 Prozent für Handball interessiert, danach gaben dies 72 Prozent der Befragten an. „Das ist ein Wahnsinnswert, den außer Fußball keine andere Sportart erreicht“, urteilte damals der Experte Stephan Schröder (Repucom).

Den Handballern ist vor allem die letzte Fahrt aus dem Oberbergischen Wiehl, wo sie in den Finaltagen logierten, nach Köln in Erinnerung geblieben. Auf dem Weg nach Köln wurden die Straßen von Menschen gesäumt. „Die Fans standen überall“, erzählt Fritz. „An der Straße von Wiehl zur Autobahn, auf den Autobahn-Brücken, wir saßen im Bus und haben uns einfach nur gefreut über diese Unterstützung.“

Es ist nicht so leicht zu klären, ob die Medien diese Euphorie erst schüren, oder ob sie die Begeisterung spüren und entsprechend darauf reagieren. Aber wie groß die Sehnsucht nach Handballstorys damals war, belegt das Foto, dass der Kölner „Express“ am Dienstag nach dem WM-Titel abdruckte. Es zeigte die ungefähr einjährige Enkeltochter Heiner Brands, die mit Wonne den Schnauzbart des Bundestrainers packte.

Einen Bundestrainer mit Schnauzbart hat der deutsche Handball nicht mehr zu bieten. Aber diese Anekdote demonstriert, wie groß das Potenzial ist, das für den Handball in der nächsten Heim-Weltmeisterschaft 2019 liegt.


Eine Schneeballschlacht zum Titel

Eine der größten Hoffnungen für die Weltmeisterschaft im eigenen Land ist Emily Bölk. Ihre Mutter Andrea, die 201 Mal für Deutschland spielte, weiß am besten, wie man eine Karriere organisiert. Und was es braucht, um Weltmeister zu werden. Eine Familiengeschichte. 

Andrea (links) und Emily Bölk. Foto: Familie Bölk

Und dann kommt der Moment, auf den viele schon lange gewartet haben. Als Emily Bölk am 7. Oktober 2016 aufgerufen wird, vor dem Länderspiel gegen Spanien, wird es laut in der Inselparkhalle in Hamburg-Wilhelmsburg. Jubel brandet auf. Bölk, damals 18 Jahre jung, ist nicht nur das Küken in der Auswahl Michael Bieglers. Sie, die als Wunderkind des deutschen Handballs gefeiert wird, ist geboren und aufgewachsen im nahen Buxtehude. In ihrem zweiten Länderspiel ist sie der „local hero“. Zu diesem Zeitpunkt nimmt sie schon das WM-Turnier 2017 ins Visier. „Mit 19 Jahren bei einer Heim-WM zu spielen“, sagt sie, „das wäre schon genial“.

Auf der Tribüne, versteckt unter den 2200 Zuschauern, sitzt ihre Mutter. Andrea Bölk ist sichtlich stolz. Sie weiß schließlich am allerbesten, wieviel Ehrgeiz und Schweiß nötig ist, um irgendwann einmal den Sprung in die Nationalmannschaft zu schaffen. Sie selbst hat eine große Karriere als Handballerin hinter sich. Und sie kann aus eigener Erfahrung berichten, was es alles braucht, um einen großen Titel zu gewinnen: Andrea Bölk gehörte zu jenem Team von Trainer Lothar Doering, das den letzten WM-Titel für die deutschen Handballerinnen gewann, 1993 in Norwegen.

Es gibt im deutschen Handball unzählige dieser Familiengeschichten. In Großwallstadt spielten Vater (Josef) und Sohn (Heiko) Karrer für die Nationalmannschaft. Die Mutter des Idols Stefan Kretzschmar, Waltraud, war dreimal Weltmeisterin mit der DDR, Vater Peter großer Trainer und Feldhandballweltmeister 1963. Hinrich Schwenker war Kapitän der Nationalmannschaft, sein Sohn Uwe gewann bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles die Silbermedaille. Manchmal sind diese familiären Traditionen nicht einfach für die Söhne und Töchter. Stefan Kretzschmar etwa erzählt, dass ihn die große Karriere der Mutter auch belastet habe. Wie steht es in dieser Hinsicht im Hause Bölk? Entspannte Lage, sagt Andrea Bölk und lacht. „Emily interessiert sich durchaus für die Erfahrungen, die ich seinerzeit gemacht habe“, sagt sie. „Sie hört aufmerksam zu, wenn ich davon erzähle.“

Zumal die Fragen, die sich dem Teenager Emily Bölk heute stellen, annähernd die gleichen sind wie vor einem Vierteljahrhundert. Andrea Bölk, aufgewachsen in Rostock, hatte ihre handballerische Ausbildung noch in einer Kinder- und Jugendsportschule genossen, der Alltag in der Jugend war total auf den Sport ausgerichtet. Deshalb erfuhr die Tochter auch, als sie im Alter von 14 Jahren für ein Jahr in die Handballakademie ins dänische Viborg wollte, die volle Unterstützung. Dieses Jahr sei sehr wichtig für ihre Entwicklung gewesen, sagt die Mutter. „Und am liebsten hätten die Dänen Emily gleich behalten“, erzählt sie. Aber die Tochter kam dann doch zurück nach Buxtehude.

Andrea Bölk, 1989 Meisterin mit Empor Rostock, war im Jahr nach der Wende nach Buxtehude gewechselt, weil ihr dort eine gute berufliche Perspektive geboten wurde. „Es war mich damals perfekt“, erzählt sie. „Ich habe dort eine Lehre als Bankkauffrau absolviert und einen Job bekommen.“ Aber die Zeiten in der DDR, als alles auf den Handball ausgerichtet wurde, waren damit beendet: „Wir haben nur noch abends trainiert, nach der Arbeit. Das war ein ganz schöner Schlauch.“

Diese Doppelbelastung erfuhr ihre Tochter nun sogar viel früher. „Als Emily im letzten Jahr ihr Abitur gemacht hat, da saß sie oft bis Mitternacht am Schreibtisch und lernte“, berichtet die Mutter. „Das war ziemlich hart für sie.“ Inzwischen studiert die Tochter. Und nahezu alle Nationalspielerinnen arbeiten, Stichwort Duale Karriere, neben dem Handball an ihrer beruflichen Karriere. Auf die Frage nach Hobbys sagt Emily Bölk: „Dafür bleibt keine Zeit.“

Die Geschichte der Mutter illustriert zugleich die Absurditäten in der Zeit nach der Wende 1989. Denn als sie von der DDR in die Bundesrepublik zog, galt sie in ihrer neuen Heimat als „Ausländerin“, weshalb sie, so wie viele DDR-Handballerin, nicht an der WM 1990 in Südkorea teilnehmen durfte, bei der die ostdeutschen Handballerinnen, eine weitere Kuriosität, zwei Monate nach (!) der Wiedervereinigung das „kleine Finale“ um Bronze gegen die DHB-Auswahl gewann. „Das hat mich extrem geärgert damals und ich verlor zunächst die Motivation“, erzählt Andrea Bölk. Aber als die Olympischen Spielen 1992 in Barcelona nahten, spielte sie doch für Deutschland.

Die Mutter kann der Tochter auch erzählen, dass bei großen Turnieren manchmal nicht körperliche Physis oder taktische Systeme über Sieg und Niederlage entscheiden, sondern die nötige Lockerheit. Bei der WM 1993 in Norwegen krachte es ordentlich, als sie im Vorrundenspiel gegen Rumänien eine ziemlich katastrophale Leistung ablieferten. Bundestrainer Doering kritisierte einige Spielerinnen öffentlich scharf. „Nach dem Rumänien-Spiel war Handlungsbedarf“, erinnert sich Doering heute. „Die Spielerinnen wollten unbedingt trainieren, um den schlechten Eindruck wettmachen. Doch es gab einige Anzeichen dafür, dass sie Erholung brauchten.“

Das Trainerteam entschied sich für: Freizeitprogramm. „Wir haben wir einen freien Tag eingelegt und eine Schlittenfahrt organisiert“, erzählt Doering. „Schnee war in Norwegen genügend vorhanden. Das Wetter war auch fantastisch. Das war wichtig, um die Birne mal freizupusten.“ Andrea Bölk erinnert sich an eine Schneeballschlacht am Holmenkollen. Handball war an diesem Tag weit weg.

„Das hätte auch in die Hose gehen können“, weiß Doering. Aber die deutschen Handballerinnen gewannen danach alle Spiele in der Hauptrunde, darunter war ein spektakulärer 25:10-Sieg gegen Österreich. „Es war einfach eine tolle Mannschaft, es gab keine richtigen Stars, jeder hatte seine Rolle“, berichtet Bölk. Und in dem Moment, in dem sie das Finale erreicht hatten und dort als krasse Außenseiterinnen gegen Dänemark eingestuft wurden, fiel jeglicher Druck ab. „Am Abend vor dem Finale, das darf man eigentlich keinem erzählen, haben wir den Geburtstag meiner Klubkollegin Heike Axmann gefeiert, und nicht nur mit Wasser“, sagt Andrea Bölk und lacht.

Am 5. Dezember 1993 spielten sie im „Spektrum“ nicht nur gegen den Favoriten, sondern auch gegen 8000 dänische Fans. Aber sie nutzten ihre Chance. Als Dänemarks Star Anja Anderson kurz vor Schluss im Tempogegenstoß einen Ball durch die eigenen Beine warf und Torhüterin Sabine Adamik den Wurf hielt, kamen sie zurück und erreichten die Verlängerung. Ein Wurf von Bianca Urbanke, der haltbar erschien, rutschte dann der dänischen Torhüterin durch. Plötzlich waren sie Weltmeister.

Die deutschen Handballerinnen werden bei der Heim-WM ebenfalls nicht als Favoritinnen antreten. Aber die Geschichte von 1993 zeigt ihnen, was im Sport alles möglich ist. Und natürlich hoffen Mutter und Tochter auf einen ähnlichen märchenhaften Verlauf. Das Finale um die Weltmeisterschaft 2017 findet ja bekanntlich in Hamburg statt.


Signalfarbe, Luftdruck, Klister

Nur so rasant wie sich der Handball im letzten Jahrhundert verändert hat, so dynamisch entwickelt sich auch das Material weiter. Eine historische Zeitreise über die Kleidung, das Schuhwerk und die (verklebten) Bälle des Handballs.

Was nach dem letzten Pfiff geschah? „Alle fallen auf den Boden wie die Birnen“, erinnert sich Vlado Stenzel, der Bundestrainer, an den historischen Moment von Karl-Marx-Stadt, als am 6. März 1976 die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Montreal von dem letzten Siebenmeter abhängt. Kurt Klühspies fällt wie ein Stein auf das Parkett, Heiner Brand, völlig fassungslos, vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Alle gehen davon aus, dass Hans Engel, der vorher zwei Strafwürfe verwandelt hat, auch diesen letzten Siebenmeter für die DDR verwandeln wird. Doch vor ihm steht ja noch dieser Torwart, der in seiner Arbeitskleidung aussieht wie ein Kanarienvogel. Manfred Hofmann.

Das Gelb seines Trainingsanzugs ist so grell, dass die Augen schmerzen. Dazu trägt Hofmann Schlabberlook. Auf Anordnung von Vlado Stenzel, der schon als Trainer Jugoslawiens seine Torhüter derart ausgestattet hatte. „Der Trainingsanzug war möglichst weit geschnitten, damit die Oberfläche des Torwarts vergrößert wird“, erzählt der ehemalige Torhüter Stenzel. „Meine Torhüter haben immer in Gelb oder in Weiß gespielt, weil diese hellen Farben für den Schützen subjektiv größer wirken.“ Hofmann sagt: „Gelb steht für Gefahr und Gift.“ Ein Schütze werde immer unbewusst dieses Signal anvisieren. „Aber das ist weder bewiesen noch widerlegt.“ Hofmann hält den Siebenmeter. Im entscheidenden Moment schnellt sein linkes Knie hoch und lenkt den Ball ab. So wird der knallgelbe Trainingsanzug zum Vermächtnis des „Helden von Karl-Marx-Stadt“.

Im letzten Jahrhundert haben sich die Bedingungen, unter denen Handball gespielt wird, stark verändert. Wo die Handballer früher in dunklen Hallen kaum die Ballkonturen erkannten, finden sie heute exzellente Lichtverhältnisse vor. Wo sich früher insbesondere die Kreisläufer auf einen harten Betonboden warfen und sich dabei ihre Hüften lädierten, nehmen die Parkettböden heute den Aufprall viel besser auf. Die Trikots und Hosen und Strümpfe bestehen nicht mehr, wie einst, nur aus Baumwolle, sondern alle Textilien sind auf die Erfordernisse des Leistungssports ausgelegt.

Selbstverständlich verlief auch die Entwicklung der Handballschuhe rasant. Nach dem Bericht von Bernd Munck verhalf der Stollenschuh von Hummel, der speziell für den Feldhandball gebaut worden war, der DHB-Auswahl im Jahr 1966 zum WM-Titel. „Der Rasen war nass, da hatten wir mit unseren Hummel-Schuhen, die tiefe Stollen besaßen, gegenüber den Polen große Vorteile: Die rutschten, während wir einen guten Stand hatten“, erinnert sich der Stürmer. „Bevor die Polen gegen die DHV-Auswahl antraten, haben wir ihnen dann unsere Schuhe geliehen, damit die nicht so hoch verlieren.“ Tatsächlich unterlagen die Polen nach dem Schuh-Doping der DDR nur mit 9:15-Toren – und die DHB gewann nach dem Remis gegen die DHV aufgrund der besseren Tordifferenz den Titel.

Wie wichtig das Schuhwerk für das Spiel ist, demonstrierte das Hinspiel in der Olympia-Qualifikation 1975 zwischen der BRD und der DDR, als der DHB in der Olympiahalle München einen dünnen Teppichboden verlegen ließ. Die DDR-Offiziellen witterten eine Verschwörung. Der Ausstatter Adidas lieferte daraufhin einen Tennisschuh, der einigermaßen geeignet war. Als der bekannteste Hallenhandballschuh der Geschichte gilt der „Handball Spezial“ von Adidas, mit dem die DHB-Auswahl 1978 das Wunder von Kopenhagen vollbrachte. Heute produzieren alle großen Sportartikelhersteller spezielle Handballschuhe: Die Marke Kempa des DHB-Ausrüsters Uhlsport leitet ihren Namen nicht zufällig vom berühmten Bernhard Kempa ab.

Der wichtigste Gegenstand des Spiels, der Ball, ist mit der Zeit deutlich kleiner und leichter geworden. Nach der Erfindung des Spiels wurde noch mit einem Faustball oder Fußball gespielt. Die ersten Regeln in den 1920er Jahren sahen einen Ballumfang von 70 Zentimetern vor, das Gewicht lag zwischen 370 und 430 Gramm. Der Umfang des Balles reduzierte sich für das Hallenspiel schon in den 1960er Jahren auf maximal 60 Zentimeter (heute sehen die Regeln 58-60cm vor). Während neue Materialen den Ball inzwischen leichter gemacht haben, bestand die Balloberfläche bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zu 100 Prozent aus Leder. „Wenn der Ball dann während des Spiels noch viel Schweiß aufnahm, dann wurde er schwer wie ein Stein“, berichte Martin Schwalb, der 1984 in Los Angeles olympisches Silber für den DHB gewann.

Und es gab und gibt Spieler und Mannschaften mit bestimmten Präferenzen für das Sportgerät. „Wenn Göppingen früher bei uns antrat, dann haben wir dafür gesorgt, dass die Bälle extra stark aufgepumpt wurden, weil die Göppinger ziemlich kleine Hände hatten“, erzählt Kurt Klühspies aus seiner Zeit beim TV Großwallstadt. Linksaußen Jochen Fraatz, der in den 1980er-Jahren als erster deutscher Handballer den „Dreher“ vom Flügel perfektionierte, benötigte dafür ein Ball mit wenig Luftdruck, um den Ball richtig greifen zu können. „Manchmal haben wir, wenn der Ball vom Schiedsrichter schon abgenommen war, heimlich etwas Luft rausgelassen“, berichtet Fraatz.

Die Trickwürfe wären nicht möglich gewesen ohne das, was der Handballer für gewöhnlich „Backe“ nennt: Harz. Ohne Harz am Ball und an den Fingern könnte kein Handballer einen derartig starken Drall auf den Ball bringen, dass dieser sich, wie von Geisterhand bewegt, einen weiten Effet-Bogen um den Torwart herum in das Tor bewegen kann. Unstrittig ist, dass es die Schweden waren, die ihre Hände zuerst mit Klebstoff einrieben. Gerd Welz, 36facher Nationalspieler, erinnert sich an eine Fahrt mit seiner Flensburger Schulmannschaft nach Schweden im Jahr 1961: „Da habe ich das auf einem Turnier zum ersten Mal gesehen. Das war völlig neu. Ich habe dann dieses Zeug, das sie Venezianisches Terpentin nannten, in einer Apotheke gekauft und mit nach Deutschland genommen.“

Die schwedischen Handballer nannten den Klebstoff, der aus Baumharz und Chemikalien hergestellt wurde, hingegen „Klister“. Spätestens seit der WM 1964 stand immer eine Dose an der Auswechselbank. Die Konkurrenz zog nach, da die Vorteile offensichtlich waren. „Ohne Wachs kann man viele technische Dinge gar nicht einüben“, sagt Klaus Langhoff, der 1964 seine erste WM im DDR-Trikot spielte. „Ohne diesen Kleber, der irre geklebt hat, viel mehr als das Wachs heute, hätte ich gar nicht auf dem Niveau spielen können.“ Der Deutsche Handball-Verband importierte jedenfalls Klister, so Langhoff. „Die haben das immer Tornister-Weise in die Berliner Verbandszentrale geschafft.“

Bis heute verwenden viele Skandinavier einen stärkeren Kleber als die Mitteleuropäer, was sich auch in der Bundesliga auswirkt. „In Flensburg haben die Dänen immer viel mehr geklebt als woanders“, erzählt der frühere Nationalmannschaftskapitän Frank von Behren. „Als ich nach Flensburg wechselte, war das eine echte Umstellung.“ Ironischerweise war es der dänische Handballverband, der 1978 beim Weltverband IHF einen Antrag stellte, die Verwendung des Klebers und auch anderer Hilfsmittel verbieten zu lassen.

In den meisten unteren deutschen Ligen ist die Nutzung des Harzes bekanntlich untersagt, weil es die Reinigung der Hallenböden verteuert. Auch aus diesem Grund hat Weltverbandspräsident Hassan Moustafa ein Verbot des Harzes im Handball angeregt. Die IHF investiert hohe Summen in die Entwicklung eines Balles mit selbstklebenden Eigenschaften, der eine Nutzung des Harzes überflüssig machen soll. Das wäre, nach über einem halben Jahrhundert Harz am Ball, die nächste Zäsur in der Materialgeschichte des Handballs


Totgesiegt

Mit einem 15:15-Remis im deutsch-deutschen Duell in Linz 1966 errang die DHB-Auswahl den Titel eines "ewigen Weltmeisters". Denn danach starb der Feldhandball. Über den Niedergang einer Sportart. 

Matsch - Foto: Fotosammlung Eggers

Die Zeit. Bundestrainer Werner Vick hatte sich damit verkalkuliert, bevor am 3. Juli 1966 um 16.30 Uhr in Linz das entscheidende Spiel um die VII. Feldhandball-Weltmeisterschaft angepfiffen wurde: Viel zu früh schickte er seine Spieler zum Aufwärmen. Weshalb er selbst ordentlich ins Schwitzen geriet, da das Thermometer an diesem Tag über 40 Grad Celsius anzeigte. Und weil er um die körperliche Substanz seiner Schützlinge fürchtete: Sechs der westdeutschen Handballer hatten wegen eines Darminfektes die ganze Nacht erbrochen.

Es wurde spannend. Zum Helden des Tages avancierte schließlich Keeper Günter Wriedt vom Büdelsdorfer TSV, der in den Schlusssekunden den entscheidenden Ball parierte. Am Ende stand ein 15:15-Remis im innerdeutschen Duell gegen die Auswahl des Deutschen Handball-Verbandes (DHV) – das reichte für die DHB-Auswahl zum Weltmeistertitel, weil sie eine um zehn Tore bessere Tordifferenz gegenüber der DDR-Auswahl aufwies. Kapitän Erwin Porzner (TSV Ansbach) nahm die Trophäe, einen Steinbock, glücklich entgegen.

Die Zeit erwies sich in Linz also doch nicht als Problem. Generell jedoch lief die Uhr nach dieser Weltmeisterschaft für den Feldhandball unerbittlich ab. Die Funktionäre des Deutschen Handballbundes sangen nach der WM zwar Loblieder auf die taktischen Finessen des Feldhandballs und auf die Ästhetik des Spiels auf dem Großfeld. Feldhandball sei ein „lebendiges Spiel“, kommentierte auch der Sportinformationsdienst die WM in Österreich. Doch in Wirklichkeit war die Agonie dieser Sportart kaum zu übersehen.

Der Weltverband IHF hatte nur mit größter Mühe ein Teilnehmerfeld zustande gebracht. Lediglich sechs Teams, darunter die beiden deutschen, hatten gemeldet – bei der WM 1955 in der Bundesrepublik waren es noch 17 Nationen. Bei der WM 1963 in der Schweiz hatten acht Auswahlmannschaften teilgenommen; das Team aus den USA allerdings bestand fast ausschließlich aus deutschen und ungarischen Immigranten, darunter US-Verbandspräsident Peter Buehning.

Die meisten führenden nationalen Verbände in Osteuropa hatten sich längst vom Feldspiel abgewandt. Rumänien, Jugoslawien und die neue große Kraft Sowjetunion, die der IHF 1958 mit rund 100.000 Aktiven beigetreten war, konzentrierten sich auf die Halle. Traditionsreiche Nationen wie Schweden, Norwegen und Dänemark favorisierten das Hallenspiel wegen der widrigen äußeren Bedingungen in Skandinavien. Auf Schnee ließ sich der Ball schlecht prellen.

Vor diesem Hintergrund muteten die DHB-Bemühungen, das Feldspiel zu erhalten, teilweise bizarr an. So beknieten die westdeutschen Funktionäre 1958 den luxemburgischen Verband, „doch weiter mit dem Feldhandball zu machen“, heißt es in der Festschrift 50 Jahre Handball in Luxemburg. „Es würden kostenlos Trainer zur Verfügung gestellt werden, und alle Reisekosten zur nächsten WM würden vom DHB übernommen.“

Dass der Hallenhandball das Spiel im Freien in dieser Zeit überholte, scheint aus heutiger Perspektive logisch. Wurden in den fünfziger Jahren doch erst viele Sporthallen gebaut, die in vielen Städten und Dörfern Hallenhandball erst ermöglichten. Wie deutlich die Waage Richtung Halle pendelte, zeigte eine Maßnahme des DHB: Der Verband, dessen Funktionäre fast alle dem Feldspiel zuneigten, weil sie damit sozialisiert worden waren, verbot 1958 zwischen dem 1. April und dem 15. Oktober die Austragung von Hallenturnieren. Zum Schutz der Feldsaison, die im Sommer ausgetragen wurde.

Doch das hielt die Entwicklung nicht auf. Die Fans des THW Kiel zum Beispiel strömten schon Ende der fünfziger Jahre zu Tausenden in die moderne Ostseehalle. Zum Feldhandball-Derby gegen Polizei Kiel verloren sich hingegen nur 25 Zuschauer (!) auf dem Platz. Einige Jahre später das gleiche Bild in Gummersbach, wo der VfL sich im Jahr 1970 aus der Feldhandball-Bundesliga zurückzog. Große Talente wie Heiner Brand (Jg. 1952) belächelten das Feldspiel. Zumal Regelreformen im Feldhandball dafür sorgten, dass die Mittelfeldspieler oft frierend aus der Ferne verfolgten, was im Angriff vor sich ging. Weshalb sie die Strümpfe weit über die Knie zogen und andere Maßnahmen ergriffen. „Das war teilweise schon lustig anzusehen. Einige Spieler haben sich dann im Winter Handschuhe übergezogen, damit die Finger nicht so kalt werden“, erzählt Brand.

„Besonderer Wert ist auf geschmeidige Hände und Handgelenke zu legen“, hieß es in einem Lehrbuch. „Deshalb ist es ratsam, bei Kälte mit weit über die Handgelenke reichenden, gutsitzenden Handschuhen zu spielen.“ Doch selbst die besten Handschuhe halfen wenig, wenn Wind und Wetter für glitschigen Rasen sorgten und der nasse Ball wie Schmierseife aus den Händen glitt. Und es nicht selten wie Slapstick aussah, wenn die Spieler aus dem Matsch heraus zum Sprint ohne Ball antraten. 

Den letzten Nagel schlugen dann die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees in den Sarg des Feldhandballs, als sie dekretierten, den olympischen Handball 1972 in München in der Halle austragen zu lassen. Kurz zuvor hatte der DHB sich noch erfolgreich um die Vergabe der VIII. Feldhandball-WM 1969 beworben und auch für 1967 die Einführung einer Feldhandball-Bundesliga beschlossen. Doch die WM 1969 musste wegen mangelnder Resonanz abgesagt werden. Die Feldbundesliga wurde 1973 nach nur sieben Spielzeiten eingestellt, nachdem die großen Clubs zurückzogen. Sogar der TSV Grün-Weiß Dankersen, zwischen 1968 und 1970 dreimal in Folge Feldhandball-Europapokalsieger, wollte nicht mehr.

Und dann war da noch die brutale Dominanz der deutschen Feldhandballer. In späteren Reflexionen muss man daher unweigerlich an die Erfolge des antiken Schlachtenlenkers Pyrrhos („Noch so ein Sieg, und ich bin verloren“) denken: Die deutschen Handballer hatten ihre Sportart geradezu totgesiegt. Als die DHB-Auswahl 1970 die letzten Feldhandball-Länderspiele in Rotterdam gegen Holland und Österreich bestritt, standen nach insgesamt 120 internationalen Vergleichen nur vier Niederlagen. „Es trugen also ausgerechnet die Deutschen, denen der Siegeszug des Feldhandballs zu danken ist, durch das Übermaß an sportlichen Erfolgen dazu bei, dass sich immer mehr Nationen, vor allem die Vertreter der Oststaaten, ganz dem Hallenhandballspiel verschrieben“, bilanzierte der österreichische Autor Robert Heger.

„Wir hätten unsere Gegner ruhig mal gewinnen lassen sollen“, sagte Bundestrainer Werner Vick rückblickend. Aber da war sie längst vorbei: Die große Zeit des Feldhandballs, der 1966, als das WM-Finale in Linz ausgespielt wurde, seinen letzten Atem aushauchte.

____________

Der letzte Feldhandball-Weltmeister 1966:

Günter Wriedt (Büdelsdorfer TSV); Diethard Finkelmann (Reinickendorfer Füchse), Peter Hattig (TuS Wellinghofen); Erwin Heuer (GW Dankersen), Herbert Schmidt (TuS Wellinghofen), Werner Knecht (TS Esslingen); Volker Schneller (TSV Ansbach), Erwin Porzner (TSV Ansbach), Josef Karrer (TV Großwallstadt), Herbert Lübking (GW Dankersen), Max Zwierkowski (TV Oppum), Bernd Munck (Eintracht Hildesheim/eingewechselt).


Ausverkauf

Nur wenige Tage nach dem Mauerfall 1989, beim Supercup, lief die DDR-Nationalmannschaft mit einer Kaufhof-Reklame auf. Ein Symbol für den Kollaps des Sozialismus. Und eine kapitalistische Lehrstunde für die DDR-Handballer.

Frank-Michael Wahl - Foto: Fotosammlung Eggers

Das Foto. Es stimmte etwas nicht mit ihm. Als es publiziert wurde, rieben sich viele Leser die Augen, so unwirklich kam es ihnen vor. Es zeigte den Shooter Frank-Michael Wahl, einen der besten Handballer des 20. Jahrhunderts, in der Rundsporthalle Baunatal, nach einem Sieg beim Supercup gegen Schweden. Wahl sah an diesem 22. November 1989, als er von Reporter Jürgen Emig interviewt wurde, nur 13 Tage nach dem Fall der Mauer in Berlin, sehr müde und sehr traurig aus. Aber das war nicht der Fehler in diesem Bild. Es war das Trikot. Der Kaufhof.

Der Rostocker, genannt „Potti“, repräsentierte schon lange die Farben der Deutschen Demokratischen Republik, die sich laut Verfassung als „sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“ verstand. Unter dem Kürzel DDR prangte das Logo mit Hammer und Zirkel. Insoweit war alles wie seit 1976, als Wahl erstmals mit den staatlichen Symbolen des ostdeutschen Staates aufgelaufen war. Hätte sich der Halblinke vorstellen können, dass diese Insignien des Antikapitalismus irgendwann mit einer Werbung aus dem kapitalistischen Westen versehen sein könnten? „Nee“, sagt Wahl. „Im Leben nicht.“

Mit diesem Trikot hatte Wahl fast alles erreicht, was ein Handballer erreichen kann. Den Olympiasieg 1980 in Moskau. Zwei Medaillen bei Weltmeisterschaften. Unzählige Siege bei wichtigen Turnieren, beim Ostseepokal oder beim Supercup. Die Handballer hatten Hammer und Zirkel mit großem Stolz getragen. Nun kündete der Schriftzug Kaufhof vom Ende einer Ära.

Wurde das DDR-Trikot nun durch die schnöde Werbung entweiht? „So hat sich das nicht angefühlt“, verneint Wahl. „Aber natürlich mussten wir schmunzeln, dass wir, die vorher nie Werbung getragen hatten, nun damit auf das Spielfeld liefen. Das war eine völlig neue Dimension.“

Und es waren auch neue Zeiten. Auch die DDR-Handballer ahnten, dass völlig neue Chancen vor ihnen lagen. Einige von ihnen hatten die friedliche Revolution in Berlin am eigenen Leib miterlebt. „Ich bin am Tag nach dem Mauerfall von Leipzig nach Berlin“, erzählt Jens Kürbis, der 1989 beim Supercup zum besten Keeper des Turniers gewählt wurde. Dort habe er am Potsdamer Platz gefeiert, bevor er zurücktrampte nach Leipzig, wo der Deutsche Handballverband ihn abholen ließ, zur Vorbereitung auf den Supercup im Leistungszentrum Kienbaum.

Dort, erinnert sich Kürbis, „saß irgendwann ein Offizieller vor uns und sagte: ‚Ihr wisst ja, es sind neue, spannende Zeiten angebrochen.‘“ Der Deutsche Handball-Verband müsse sich darauf einstellen und habe deshalb einen Werbevertrag mit der Warenhauskette abgeschlossen. Die Spieler glaubten, nicht richtig zu hören. Seit dem Mauerfall war erst eine gute Woche vergangen. Am 21. November 1989 in Wilhelmshaven, in der „Nordsee-Sporthalle“ gegen die B-Mannschaft der BRD, lief die DDR-Auswahl erstmals mit Werbung auf. „So begann für uns die Kommerzialisierung“, sagt Wahl.

Zwei Tage später saßen die DDR-Stars in einer Kaufhof-Filiale in Wuppertal. Eine Autogrammstunde, die der neue Partner organisiert hatte. „So etwas hatte wir vorher noch nie gemacht“, erzählt Wahl. Sie fühlten sich nicht richtig wohl dabei. „Es war ja eine große Phase der Unsicherheit. Alles war jetzt gefühlt anders.“ Anschließend bekamen sie einen Gutschein in Höhe von 100 D-Mark. Zwei Wochen vor diesem Termin, vor der Wende, hätten sie diesen Gutschein nicht annehmen dürfen. „Nun wussten wir nicht: Dürfen wir den selbst einlösen?“, berichtet Wahl. „Oder müssen wir den abgeben?“

Sie durften ihn behalten. Was den Torwart in große Probleme stürzte. „Wir hatten nur eine Stunde Zeit. Und ich habe es einfach nicht geschafft, die 100 DM runterzukriegen“, erzählt Kürbis lachend. „Irgendwann habe ich mir, weil ich noch so viel Geld hatte, eine hässliche blaue Strickjacke gekauft. Als ich damit nach Hause kam, hat meine Freundin die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.“ Kürbis wusste nicht, dass er den Gutschein auch in einer anderen Kaufhof-Filiale hätte einlösen können.

Wahl weiß noch, wie sehr ihn diese vielen Dinge beschäftigten. „All das war wirklich eine total neue Erfahrung. Das war so ungewöhnlich“, sagt er, der bis heute so viele Länderspiele für deutsche Mannschaften bestritten hat wie kein anderer (344 Einsätze, davon 31 für den DHB). Trotzdem spielten sie gut und kamen, als sie Weltmeister Jugoslawien bezwangen, sogar ins Finale von Dortmund (in dem sie allerdings den Sowjets unterlagen). „Ich weiß noch, dass ich hochmotiviert war, weil ich unbedingt die WM 1990 in der CSSR spielen wollte“, erzählt Kürbis. Dort qualifizierte sich die DDR bekanntlich für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona und sicherte damit einen Startplatz für das gesamtdeutsche Team.

Im November 1989 aber erschien die Vereinigung von Ost und West ja noch als Utopie. Die Verarbeitung der Gegenwart war schon kompliziert genug. „Alles ist viel freier geworden, wir als Sportler genießen das natürlich sehr“, sagte Wahl damals, und dass er sich nach der WM 1990 auch einen Wechsel zu einem westdeutschen Klub gut vorstellen könne (er ging dann nach Hameln).

„Ich hoffe, dass auch die Spieler, Betreuer und Trainer etwas davon abbekommen“, kommentierte Klaus Langhoff den spektakulären Werbe-Deal mit der Warenhauskette. Aber der Wunsch des Cheftrainers der DHV-Auswahl ging nicht in Erfüllung, jedenfalls können sich Spieler und Trainer nicht an eine Beteiligung erinnern. Zugleich machte Langhoff deutlich, dass man beim DHV darauf achten werden, dass es keinen „Ausverkauf“ der DDR-Stars in Richtung der Bundesliga geben werde – eine Reaktion darauf, dass Spieler wie Rüdiger Borchardt längst lukrative Offerten aus dem Westen erhalten hatten.

Mit welcher Wucht und Dynamik die Sportclubs in der DDR-Oberliga nach dem Fall der Mauer durcheinandergeschüttelt wurden, ist heute kaum nachvollziehbar. Es dauerte nur ein paar Tage, bis die ersten DDR-Auswahlspieler und Trainer in den vermeintlich goldenen Westen zogen. Der erste prominente Transfer: Maik Handschke, der von ASK Frankfurt zu TuRu Düsseldorf wechselte. Die Hoffnung Langhoffs, die besten Spieler noch eine Weile in der DDR halten zu können, erwies sich als Illusion. Es kam zu einem Exodus von Ost nach West.

Insofern war die Kaufhof-Reklame nicht weniger als ein Vorbote jenes Exodus von Ost nach West, der die Strukturen des DDR-Leistungshandballs in nur wenigen Monaten vernichtete. Auf diesen Ruinen, im SV Blau-Weiß Spandau (dem Nachfolger des SC Dynamo), kam nach 1991 das große Talent Stefan Kretzschmar zu vielen Einsatzzeiten. Der Ostdeutsche „Kretzsche“ gilt heute, eine schöne Pointe, als Prototyp eines perfekt vermarkteten Handballers.


Freunde

Der Unfall des Joachim Deckarm im Jahr 1979 schockte die Handballwelt. Die Weltmeister von 1978 kümmerten sich danach rührend um ihren Weggefährten. Eine Geschichte über Freundschaft.

Deckarm-Unfall. - Foto: Sporthilfe-Buch

Ein Zusammenprall. Ein Sturz. Und dann lag Joachim Deckarm, 25, auf dem Boden und wurde behandelt. „Der Jo ist hart im Nehmen, der steht gleich wieder auf“, dachten seine Mitspieler vom VfL Gummersbach, die an diesem 30. März 1979 ihr Halbfinalrückspiel im Europapokal der Pokalsieger bei Banyasz Tatabánya austrugen. So auch der erste Gedanke von Heiner Brand, Kapitän der Mannschaft. Aber der Freund stand nicht auf. Und als sie die Reaktionen ihres Torwarts Valentin Markser, einem angehenden Arzt, und des Physiotherapeuten Günter Wrona vernahmen, wurde ihnen bewusst, „wie schlimm es um Joachim stehen musste“. 

Deckarm, der schon in der Luft das Bewusstsein verloren hatte, war mit dem Kopf ungebremst auf den nur mit einer PVC-Schicht überzogenen Zementboden gestürzt. Er erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und fiel ins Koma. Bis endlich ein Arzt kam, dauerte es eine Ewigkeit. Dann wurde Deckarm unter abenteuerlichen Umständen ins 60 Kilometer entfernte Budapest transportiert und operiert. Derweil herrschte pure Angst in der Mannschaftskabine von Tatabánya. Nach der Falschmeldung, ihr Freund sei tot, flossen Tränen der Verzweiflung.

Es war der schlimmste Unfall in der Geschichte des Handballs, der viele Konsequenzen nach sich zog. Diejenigen Kritiker, die das Spiel immer als zu brutal eingestuft hatten, fühlten sich bestätigt. Ihre Argumente waren zwar dünn, weil dem Zusammenprall nicht einmal ein Foul zugrunde lag. Aber das Regelwerk wurde tatsächlich geändert. Das so genannte „Festmachen“, das Klammern des Gegners, wurde verboten.

Doch auch sportlich klaffte nach dem Unfall eine riesige Lücke. Ohne den Halblinken wäre der Aufstieg der Nationalmannschaft, der mit dem märchenhaften WM-Titel 1978 in Dänemark geendet hatte, nicht möglich gewesen. „Es war fantastisch, von hinten anzusehen, wie hoch der Jo über der gegnerischen Deckung stand“, schwärmt Torwart Manfred Hofmann heute noch von dem legendären Olympiaqualifikationsspiel 1975 gegen die DDR, als der Stern des Joachim Deckarm aufging. „Joachim war damals der einzige Spieler, der aus dem Rückraum mit individuellen Aktionen Tore machen konnte“, erinnert sich Brand.

Deckarm, dessen Athletik und Individualität alles überragte, bildete jedenfalls das Zentrum des jungen Teams, das Bundestrainer Valdo Stenzel aufgebaut hatte. Als der Unfall in Tatabánya geschah, war der Saarbrücker der wohl beste Handballer auf dem Planeten. Aber das war nicht alles. Er präsentierte sich auch als Vorbild auch außerhalb des Feldes, als großer Sportsmann. „Vlado legte großen Wert auf selbstbewusste, charakterstarke Spieler, die sich den Mannschaftsgedanken zu Eigen machten und wussten, dass Teamgeist über alles geht“, so beschreibt Horst Spengler, der Kapitän der Weltmeister von 1978, die Idee der Kaderzusammenstellung.

Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Zusammenhalts, die Deckarms Geschichte beschreibt, hatte also schon vor dem Unfall begonnen. Die vielen gemeinsamen Trainingseinheiten, Spiele und Erfolge hatten die Weltmeister von 1978 auf ungewöhnliche Art und Weise zusammengeschweißt. „Nur weil wir Freunde sind, wurden wir Weltmeister“, sagte Joachim Deckarm vor seinem Unfall 1979.

Wie eng diese Verbindung war, zeigte sich schon in Tatabánya. Weltmeister Claus Fey und Markser blieben nach dem Unfall in Ungarn, um dem Freund in der schwersten Zeit beizustehen. Nach der Verlegung Deckarms in die Uniklinik Köln bekam Deckarm oft Besuch von seinen Kollegen aus Gummersbach und aus der Nationalmannschaft, die ihm einfach bei ihm sein wollten. Und die mit ihm redeten, ohne zu wissen, ob er sie hören würde.

Nach 131 Tagen wachte Deckarm aus dem Koma auf. „Ich werde nie vergessen, wie wir die Nachricht bekamen“, berichtet Heiner Brand in seiner Autobiografie. Gemeinsam mit Claus Fey machte er sich auf den Weg, um Deckarm zu besuchen. Am Krankenbett angekommen, erkannten sie schlagartig, dass ihr Freund nie wieder in den Leistungssport zurückkehren würde. „Draußen auf dem Flur hatten Claus und ich mit unseren Gefühlen und der Enttäuschung zu kämpfen. Wir haben geweint.“

Die Anteilnahme war enorm, im gesamten deutschen Sport. „Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft nach dem Unfall“, erinnert sich Brand. Und die Handballer schworen sie sich, ihrem langjährigen Weggefährten so gut es geht zu helfen. Bald trat eine Weltauswahl in der Westfalenhalle gegen den VfL Gummersbach an, um die teuren Behandlungen und die Betreuung Deckarms zu finanzieren, Stars wie Istschenko, Stinga und Klempel kamen, um zu helfen. Die Deutsche Sporthilfe richtete 1980 einen Hilfsfonds zugunsten des verunfallten Sportlers ein. Deckarm, schwer hirngeschädigt, arbeitete verbissen in seiner Rehabilitation.

Die Vorbildfunktion, die er auf dem Feld stets verkörperte hatte, bewies er nun auch in seinem „zweiten Leben“. Deckarms große Entschlossenheit könne man gar nicht überbewerten, sagt Brand. „Es ist toll, was er nach seinem Unfall geleistet hat, wie er sich gegen alle Widerstände und nach dem langen Koma wieder ins Leben zurückgekämpft hat.“ Es war geradezu logisch, dass Deckarm im Mai 2013 als „vorbildlicher Kämpfer“ in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports gewählt wurde.

Vorbildlich war auch die Fürsorge der Mitspieler. Die Weltmeister von 1978 kümmern sich bis heute rührend um ihren Anführer von damals. Nicht nur Brand, schon in der aktiven Zeit einer der engsten Freunde Deckarms, hat über die Jahrzehnte den Kontakt gehalten. Oft hat er Deckarm besucht. „Wenn wir telefonieren, dann scherzen wir oft“, sagt Brand. Deckarm habe viel Selbstironie, mache Witze über seine Aussprache.

Rudolf Spengler, der Co-Trainer des Wunders von Kopenhagen, organisierte mit seinem Sohn über Jahrzehnte hinweg Spiele der Weltmeistermannschaft von 1978, deren Erlöse in den Deckarm-Fonds flossen (dafür wurden Vater und Sohn mit dem Hessischen Verdienstorden am Bande ausgezeichnet). Inzwischen hat Brand den Vorsitz des Deckarm-Fonds übernommen. Bis heute trifft sich die Mannschaft 1978 regelmäßig. Der WM-Titel von 1978 hat auch andere Freundschaften fürs Leben entstehen lassen, etwa zwischen Heiner Brand und Kurt Klühspies oder zwischen Jimmy Waltke und dem leider schon verstorbenen Torwart Rainer Niemeyer.

In einem Buch, das die Deutsche Sporthilfe im Jahr 2009 herausgab, werden die zwei Leben des Joachim Deckarm beschrieben: die sportliche Karriere des Ausnahme-Handballer vor dem 30. März 1979, und der große Kampf des Reha-Patienten nach dem Unfall. Der Titel dieses Buches lautet „Teamgeist“, um die enge Verbundenheit der Weltmeister von 1978 untereinander zu beschreiben. Ein treffender Titel. Aber das Buch hätte genauso gut „Freunde“ heißen können.


Premieren-Gewitter

Das erste Frauen-Turnier in der Geschichte der Hallen-Weltmeisterschaften, 1957 in Jugoslawien, fand tatsächlich draußen statt. Christa Hoffmann (Hamburg) und Inge Lirka (Berlin) waren dabei – und amüsieren sich heute über die Frage nach Trainingsplänen.

Stadion Tasmajdan in Belgrad

Trainingspläne? Da huscht Christa Hoffmann doch ein leises Lächeln über das Gesicht. Diese Vokabel habe in den Monaten vor der 1. IHF-Weltmeisterschaft in Jugoslawien (13. bis 20. Juli 1957) nicht zu ihrem Wortschatz gezählt, amüsiert sich Hoffmann. „Beim DHB gab es das noch nicht“, sagt Hoffmann, seinerzeit unter ihrem Mädchennamen Warns eine der besten Angreiferinnen in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB). „Wir haben ja damals überhaupt sehr wenig trainiert“, erzählt Hofmann, Jahrgang 1935, an einem klirrend kalten Wintertag in ihrer Wohnung im Norden Hamburgs. „Höchstens einmal die Woche. Ansonsten haben wir privat etwas gemacht. Ich bin zum Beispiel durch den Stadtpark gelaufen, habe mir da die Kondition geholt.“

Hofmanns Kollegin Inge Lirka (geb. Walther), die älteste deutsche WM-Teilnehmerin von 1957, schmunzelt ebenfalls. „Training im Hallenhandball? Das gab es gar nicht“, sagt die Regisseurin, Jahrgang 1923, die sich noch gut über die karge Nachkriegs-Infrastruktur in Berlin erinnert. „In Berlin-Spandau gab es eine Halle, und dann hatten die Engländer noch eine, da durften wir auch manchmal rein.“ Was beide ebenfalls eint: Sie schauen voller Vorfreude auf ihre Nachfolgerinnen bei den 23. IHF-Weltmeisterschaften der Frauen, die am 17. Dezember 2017 mit dem Finale in der Hamburger Barclaycard Arena ihren Abschluss finden wird.

Beide haben Agenten der Erinnerung an ihre große Zeit aufbewahrt. Vor Hoffmann liegt ein ganzer Karton mit Medaillen, die sie für den DHB und den Eimsbütteler TV einheimste. Acht Mal wurde sie Deutscher Meister, 1956 gewann sie die Vize-Weltmeisterschaft im Feldhandball, 1965 holte sie mit der DHB-Auswahl Bronze bei der ersten Hallen-WM der Frauen in der Bundesrepublik. Da sind viele Zeitungsausschnitte und Fotografien in schwarz-weiß. Jeder Text und jedes Bild eine Erinnerung.

Hoffmann war, obwohl erst 21 Jahre alt, schon seit zwei Jahren Nationalspielerin, als es im Sommer 1957 zum WM-Turnier ging, das heute in der offiziellen Statistik als Hallen-WM-Premiere notiert wird. Gespielt wurde tatsächlich auf dem Kleinfeld, und zwar im Tasmajadan-Stadion in Belgrad, das 10.000 Fans fasste und als schönste Kleinfeld-Arena der Welt betrachtet wurde (und in einem zweiten Ort namens Virovitica). „Ich war noch so jung“, sagt Hoffmann. „Diese Reise war natürlich für mich sehr, sehr aufregend.“ Sie alle hätten ja noch den Zweiten Weltkrieg im Kopf, sagt Lirka. „Ins Ausland zu fahren, das war für uns alle wie eine Erlösung. Eine Sensation.“

Eine echte sportliche Vorbereitung gab es also nicht. Vor der WM wurde nicht ein einziges Länderspiel (!) auf dem Kleinfeld ausgetragen. Trainer Hans Geilenberg und Frauen-Spielwart Friedel auf dem Graben luden Ende Mai/Anfang Juni 1957 lediglich zu einem fünftägigen Lehrgang im Westen. Allerdings ohne Christa Warns, wie sie damals noch hieß. Sie musste arbeiten. „Ich war froh, dass ich überhaupt die zwei Wochen Urlaub für die WM bekommen habe“, erzählt sie.

Drei Tage vor der Abreise trafen sie sich in München. „Da ging es eigentlich nicht um Training, sondern mehr darum, dass wir uns alle kennenlernten, wir Berlinerinnen waren ja vorher so gut wie abgeschnitten vom Rest“, berichtet Lirka. Am 12. Juli 1957 bestiegen 14 Spielerinnen am Münchener Hauptbahnhof den „Tauern-Express“ nach Belgrad. (Einen Flug konnte sich der DHB nicht leisten.) Hinzu kamen Trainer und Spielwart und Delegationsleiter Franz Pabst, das war es. Ein Arzt oder ein Masseur fuhr nicht mit. Dabei hätte Warns einen Mediziner gut gebrauchen können, da ihre Achillessehne schmerzte. Sie musste mit einem Spezialschuh spielen.

Angekommen in Belgrad, half ein jugoslawischer Sportarzt. Überhaupt zeigte sich der Gastgeber überaus hilfsbereit und freundlich. Die Unterkunft in einem Studentenheim, in dem auch die Tschechoslowakinnen wohnten, war allerdings kein „Schlaraffia“, wie die Deutsche Handballwoche recherchierte. „Wir hatten eine grottenschlechte Unterkunft, jedenfalls für heutige Verhältnisse. Wir wohnten zu acht oder zehn Mädchen auf einem Zimmer. Und es gab keine Schränke, wo wir unsere Sachen aufbewahren konnten“, erinnert sich Hoffmann. „Aber es war sehr lustig und hatten sehr viel Spaß.“

Das Turnier mit einem Feld von neun Nationen verlief nach Plan. Die Deutschen, obwohl aus dem größten Verband stammend, zählten nicht zu Favoritinnen – die kamen aus dem Ostblock, wo das Wort Trainingsplan schon länger geläufig war und ein gewisser Drill herrschte. Physisch waren diese Spielerinnen überlegen, meinte der Fachjournalist Hanns Apfel: „Nationen wie die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Polen und Rumänien besaßen eine derart beängstigend gute Kondition, dass sie mühelos die zusätzliche Belastung täglichen Trainings, das bei ungewöhnlicher Hitze alles andere als eine erholsame Angelegenheit war, als selbstverständlich schluckten, indes die ‚Touristen‘ aus Schweden, Dänemark und Deutschland mit leichtem Marschgepäck auf der Stelle traten.“

Das erste WM-Spiel gewann die DHB-Auswahl dennoch gegen die Polinnen (7:4), die kurzfristig für Frankreich eingesprungen waren. Im zweiten Vorrundenspiel jedoch setzte es die erste Niederlage gegen den Gastgeber (6:7), obwohl die beiden deutschen Torhüterinnen Rosi Schöne (Post SV München) und Helga Drechsler (OSC Berlin) je zwei Siebenmeter parierten. Grund: die denkwürdigen äußeren Bedingungen im Tasmajdan. Der Platz sei rasenfrei und habe „einen Ziegelmehlbelag, der elastisch fest ist, ohne hart zu sein und sehr wasseraufnahmefreudig“, hatte der Chef des Organisationskomitees vorher gerühmt. „Ich glaube, dass Spielerinnen werden zufrieden sein werden, denn er ermüdet nicht so sehr wie ausgesprochene Hartplätze oder Rasenflächen.“

Doch bei dem Gewitter, das an diesem 15. Juli aufzog, kapitulierte auch der Super-Boden. „Klatschnass bis auf die Haut, mit Korkenzieherlöckchen, die sich auf engstem Raum zusammengezogen hatten, fegten Deutschlands und Jugoslawiens Nationalspielerinnen durch Wirbelsturm und Gewitterregen, in der Hoffnung, der Schlusspfiff möge sich erlösen“, wurde aus Belgrad berichtet. Herbert Zimmermann, der legendäre Hörfunk-Reporter des NDR, hatte am Spielfeldrand große Mühe mit seiner Ton-Technik.

Gut drei Minuten vor Schluss musste der Schiedsrichter unterbrechen. „Wurfkreis und Freiwurfmarkierungen waren hinweggeschwemmt und so ein einwandfreies Spiel nicht mehr möglich. So mussten die nassen Katzen nach halbstündiger Unterbrechung wieder in die aufgeweichte Arena, wie das Reglement es befiehlt.“ Am Ende blieb das 6:7-Anschlusstreffer per „Bauchrutscher“ durch Trudi Hannen (Düsseldorf) das letzte Tor. Lange war unklar, ob das Spiel überhaupt gewertet werden würde.

Am Ende unterlagen die Handballerinnen auch im Spiel um Platz Drei dem ehrgeizigen Gastgeber Jugoslawien (6:9), derweil die Tschechoslowakinnen den ersten „Hallen“-Titel gewannen. Schelte gab es wegen der verpassten Medaille in der deutschen Presse nicht. Warum auch? Sie hatten ja kaum trainiert.

Die Teilnehmerinnen bei der I. IHF-Weltmeisterschaft 1957

Tor: Rosi Schöne (Post SV München), Helga Drechsler (OSC Berlin)
Feld: Inge Walter (Berliner SV 92), Uta Samulewicz (TuS Lichterfelde), Hertha Rückriem (Post SV München), Ursel Kusserow (Reinickendorfer Füchse), Waltraud Kühl (Bayer Leverkusen), Trudi Hannen (SV 04 Düsseldorf), Ursel Burmeister (Eimsbütteler TV), Christa Warns (Eimsbütteler TV), Anneliese Götz (Stuttgarter Kickers), Margret Loch (RSV Mülheim), Helga Reiche (Reinickendorfer Füchse), Christa Dose (Union Hamburg)


Kalorienspiele

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die besten Handballer aufs Land, um ihren Hunger zu stillen. Davon erzählt das Tagebuch des Kieler Abwehrspielers Heinz-Georg Sievers, der später mit Hein Dahlinger die Weltmeisterschaft gewann.

THW-Legende Hein Dahlinger in Aktion

Die Zukunft des THW Kiel begann in Ostwestfalen. Die „Zebras“ befanden sich auf ihrer Bahnreise nach Oberhausen, zum Endspiel um die Deutsche Feldhandball-Meisterschaft, als sie bei ihren Stopps größere Tumulte bemerkten. „Bei Minden stellten wir durch den großen Menschenauflauf fest, dass die Währungsreform eingetreten war“, berichtete THW-Obmann Robert Lehmann über die Einführung der D-Mark an diesem 20. Juni 1948.

Im Zug saßen viele Handballer, die 1945, nach dem Krieg, als Soldat in die zerstörte Heimat zurückgekehrt waren. Darunter auch der große Hein Dahlinger und Heinz-Georg Sievers, die 1952 gemeinsam Feldhandball-Weltmeister wurden. Als Sievers von der neuen Währung hörte, erinnerte er sich an die schweren Monate nach dem Krieg, die er in einem Tagebuch verewigt hatte. „Ich will versuchen, wenigstens einiges nicht so schwer zu nehmen“, nahm er sich damals vor. 

Sievers‘ Notizen sind eine dichte Erzählung der Not in den Nachkriegsjahren. Als sie im August 1946 auf der Ladefläche eines LKW zu einem Freundschaftsspiel aufs Dithmarscher Land fuhren, regierte der Hunger die Gedanken. „Wir erreichen Marschboden und der Anblick satter Weiden und fetter Milchkühe lässt uns, was Calorien angeht, allerhand erhoffen“, schrieb Sievers. Die Handballer wurden auf verschiedene Bauernhöfe verteilt. „Ich erwische einen Teller Grütze und Milch und esse mich satt“, notierte Sievers. Auch am Spieltag schrieb Sievers über die Umstände der „Kalorienspiele“, wie die Menschen diese Auftritte großer Sportler damals nannten. „Ich esse Schweinebraten, diverse Gemüse, Gurkensalat, Nudelsuppe und Pudding und von allem so viel ich will.“

Am 21. Juni 1948 ging es in Oberhausen nicht mehr um den Hunger, sondern um die Ehre. Er habe „noch kein schöneres Spiel gesehen“, lobte nach dem Kieler Finalsieg gegen den SV Waldhof Mannheim (10:8) der Sportfunktionär Willi Daume, der am 1. Oktober 1949 zum ersten Präsident des DHB gewählt wurde. Der Feldhandball erlebte danach seine größte Blüte. Höhepunkt: die WM 1955 im eigenen Land, als die DHB-Auswahl vor 50.000 Fans im Stadion Rote Erde den WM-Titel gewann.

Die Rückreise des neuen Meisters verlief, da die Reichsmark ungültig war, beschwerlich. Die Spirituosen für die Rückfahrt leierten sie dem Oberbürgermeister Oberhausens aus dem Kreuz. In Kiel angekommen, feierten Tausende Fans den THW, die Gratulationen nahmen kein Ende. Doch die Handballer interessierten sich in diesem Moment mehr für den Stopfkuchen, der beim Empfang auf dem Tisch stand. „Das war uns ausgehungerter Gesellschaft“, erzählte Dahlinger später, „mehr wert als der ganze Rummel.“


Missbrauchte Ideale

Der erste Superstar des Handballs war Otto Günther Kaundinya, der Deutschland als Trainer zum Olympiasieg 1936 und zu zwei WM-Titeln 1938 führte. Zugleich verkörperte er die NS-Ideologie, weshalb er nach 1945 nicht zum Vorbild taugte.

Handball und Wehrsport

Es regnete unaufhörlich. Und doch harrten die 100.000 Zuschauer auf den pitschnassen Bänken des Olympiastadions aus, als am 14. August 1936, 16.45 Uhr, das letzte Spiel des olympischen Feldhandballturniers angepfiffen wurde. Das Publikum jubelte am Ende über den klaren 10:6 (5:3)-Sieg Deutschlands gegen Österreich. Als Vater des Olympiasieges gefeiert wurde Otto Günther Kaundinya, der zwei Jahre später das Team auch zu WM-Titeln in der Halle und auf dem Feld führte.

Seit 1934 als Reichstrainer im Amt, lässt sich Kaundinya in der Tat als Schöpfer des modernen Leistungshandballs bezeichnen. Sein Lehrbuch „Das Handballspiel“ (1935) enthielt Kapitel über „Training und Leistung“ und „Sportgerechte Lebensweise“. Aus seiner Sicht war das Handballspiel zugleich kein sportlicher Selbstzweck, sondern eingebettet in eine Ideologie.

Weil diese Ideologie in das Verderben des Zweiten Weltkrieges und der Vernichtung vieler Millionen Menschen führte, illustriert dieser Kaundinya wie keine andere Figur des Handballs das moralische Fiasko, als das die Olympischen Spiele 1936 heute bewertet werden. Nur ein Jahr später propagierte der „Handball“, das offizielle Fachorgan, die großartigen Werte der Handball-Ausbildung für das Handgranatenwerfen.

Kaundinya, am 5. Juli 1900 in Erode (Indien) geboren, hatte schon in seiner Studentenzeit nach einem gedanklichen Überbau gesucht. In seinem Aufsatz „Nietzsche als Philosoph des sportlichen Jahrhunderts?“ fragte er 1927 in der Zeitschrift Die Leibesübungen nach den „inneren Beziehungen“ zwischen dem Begriff des „Sportmanns“ und des „Übermenschen“. Sein Buch „Die sportliche Leistung. Ihre biologischen, rassischen und pädagogischen Voraussetzungen“ (1936) lässt sich als ideologisches Manifest des NS-Sports lesen.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, wurden tatsächlich Handgranaten geworfen, keine Handbälle mehr. Kaundinya, der stets den Sportler als perfekten Soldaten propagiert hatte, meldete sich freiwillig zur Infanterie. Als er im Juni 1940 während des Frankreich-Feldzuges an der Aisne fiel, wurde das in den Sportzeitschriften in der Heimat als Heldentod geschildert.

Die ideologische Verblendung endete bekanntlich im Untergang. Sie wirkte nachhaltig als Mahnmal für den Missbrauch der wahren Ideale des Sports. Als der Handball nach 1945 im demokratischen Staat aufgebaut wurde, taugte Kaundinya nicht als Vorbild. Deshalb geriet die Biografie des erfolgreichsten Trainers der deutschen Handballgeschichte bald in Vergessenheit.


1917-1926: Erfindergeist

Die Sportart Handball entsteht während des Ersten Weltkrieges als Frauenspiel. Ihr Schöpfer, der Berliner Frauenturnwart Max Heiser, bietet damit eine Alternative zum Fußball an. Die Geschichte einer Leidenschaft

Max Heiser

Bevor der erste Ball flog, hatte Max Heiser einiges zu erklären. Der akkurat gekleidete Frauenturnwart aus Berlin, Weste, gestärktes weißes Hemd, schwarze Fliege, versammelte im Winter 1915/16 junge Turnerinnen aus Berlin um sich: Sie waren in eine Exerzierhalle im Berliner Nordwesten gekommen, um ein neues Spiel auszuprobieren, das Heiser sich ausgedacht hatte. Neugierig lauschten sie ihm.

Torball, wie Heiser es nannte, war eine Mixtur anderer Spiele. Die beiden Tore, 2 x 2 Meter groß, verkündete er, „habe ich vom Hockey übernommen, auch den Schusskreis. Nur dürfen Sie nur außerhalb des Kreises auf das Tor werfen.“ Andere Details waren dem Königsberger Ball und Raffball entnommen. „Und die Aufstellung ist wie im Fußball“, erklärte Heiser.

Dann legten sie mit einem Faustball los. „Mit langärmeligen, weiten Blusen, Pumphosen und langen Strümpfen bekleidet und mit einem Faustball ähnlich großen Ball bewaffnet, stellten die Damen sich zum Wettspiel bereit“, beschrieb eine Spielerin die Szenerie. Der Ball zirkulierte flott in den Reihen.

Ein Schwärmer war dieser Heiser. Und der Mann, der vor 100 Jahren Handball erfand, hätte zu seinen Lebzeiten wohl für undenkbar gehalten, dass Handball irgendwann zu den populärsten Mannschaftssportarten der Welt zählen würde. Und dass ein Jahrhundert später in Deutschland, beginnend mit dem 1. Dezember 2017, die 23. Weltmeisterschaft im Frauenhandball stattfinden würde.

Illustration: Jutta Burmeister

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten Turner nach neuen Spielalternativen für die Jugend, die ihnen wegen des Fußballs abhandenkam, entwickelt. Die Spiele trugen seltsame Namen wie Schlagball, Völkerball, Raffball, Barlauf, Faustball oder Tamburinball. 

Heiser hatte Torball zunächst mit Arbeiterinnen aus den Berliner Siemens-Werken erprobt. Das war kein Zufall. Die Turn- und Sportfunktionäre forderten ausdrücklich dazu auf, die Körper der Frauen für den Alltag in den Fabriken fit zu machen – die soziale Rolle des weiblichen Geschlechts veränderte sich während des Weltkrieges radikal, da die Männer an der Front standen. 

Andererseits war die starke Frau den an der Heimatfront verbliebenen Männern unheimlich. Heiser reagiert darauf mit einem „körperlosen Spiel“: „Jedes körperliche Angehen, jeder Angriff auf den Gegner war verboten. Wer den Ball hatte, war sein Besitzer, und der Gegner musste sich gedulden, bis auf Grund der Regeln der Gegner gezwungen war, den Ball abzugehen.“

Torball jedenfalls wurde von den Turnerinnen als abwechslungsreich und spannend empfunden – auch weil Heiser mit dem Faustball einen Hohlball einsetzte, mit dem die Spielerinnen prellen konnten. „Der flotte Verlauf des Vorführungsspiels zog viele Zuschauer an, die mit Interesse die wechselnden Bilder des Spieles verfolgten“, heißt im Bericht vom Kreisspielfest 1915 auf dem Sportplatz in Westend.

Die Vorgesetzten bei der Turnerschaft brachen keineswegs in Jubel aus. Heiser aber feilte weiter an seinem Spiel. Am 29. Oktober 1917, ab 19.30 Uhr abends, goss dann der „Ausschuss für Frauen- Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ die Heiserschen Ideen in offizielle Regeln. Einziger Tagungsordnungspunkt im Lehrervereinshaus am Alexanderplatz: „Vervollständigung und Berichtigung der Torballregeln.“ Im Manuskript der neuen Fassung waren zunächst die „Regeln für Raffball, Torball und Handball“ vorgesehen. Doch die Namen Raffball und Torball wurden handschriftlich gestrichen.

Heiser wird dafür als Vater des Handballs gefeiert. Beschlossen wurde zugleich eine „Bestimmung für die Abhaltung der Handballspiele für die Damenabteilungen des Berliner Turnraths“ für den Spielbetrieb. Am 2. Dezember 1917 wurden in einer Exerzierhalle die ersten Partien ausgetragen.

Die Deutschen Turnerschaft erkannten das Potenzial des neuen Spiels erst, als die Konkurrenz aus dem Sport (der Leichtathletikverband) den Handball zu einem männlichen Kampfspiel umfunktionierte. Erst für die Saison 1920/21 wurden Deutsche Meisterschaften ausgespielt und Mannschaftszahlen explodierten förmlich. Im Jahr 1927, nahmen bereits über 12.000 Mannschaften am Wettspielbetrieb teil, 1931 wurde Feldhandball olympisch. Heiser erlebte das nicht mehr, er starb im Januar 1921. Aber die Spielidee des Utopisten lebt bis heute.

Anzeige
goldgas
DHB Adventskalender
Hanniball