Logo 100 Jahre Handball

Zukunft braucht Tradition

Beim 32. Ordentlichen Bundestag des Deutschen Handballbundes am 28. Oktober 2017 in Berlin hielt Prof. Dr. Detlef Kuhlmann einen vielbeachteten Vortrag zu „100 Jahre Handball in Deutschland: Zukunft braucht Tradition. Diesen stellen wir Ihnen hier in Gänze zur Verfügung.


1. Einleitung

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann - Foto: Sascha Klahn

100 Jahre Handball in Deutschland – dieses Datum ist für mich zu allererst ein Anlass, Ihnen allen Dank zu sagen. Es ist nämlich in erster Linie Ihr Verdienst, dass wir diesen 100. Geburtstag an diesem Wochenende hier in Berlin feiern können. Sie alle spenden dem Handball einen Teil ihrer Lebenszeit. Sie alle tun das freiwillig, die meisten sogar ehrenamtlich. Sie alle sorgen mit ihrem vielfältigen Engagement dafür, dass das Handballspiel in Deutschland lebt. Wenn es Sie nicht gäbe, gäbe es keinen verbandlichen Spielbetrieb. Es gäbe in Deutschland keinen Handballsport. 

Gratulation und Dank Ihnen allen, aber auch allen Frauen und Männern überall im ganzen Land, die im und für den Handballsport aktiv sind: 100 Jahre Handball in Deutschland – darauf können wir alle ein wenig stolz sein. „Zukunft braucht Tradition“ – heißt es im Titel meines Festvortrages: Die Zukunft braucht Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ihr Engagement ist eine lebensnotwendige Investition in die Zukunft des Handballs in Deutschland! An dieser Tradition sollten wir auch in den nächsten 100 Jahren festhalten.

Was haben Sie nun konkret von mir in den nächsten rund 20 Minuten zu erwarten? Der runde Geburtstag soll zunächst für uns alle eine Gelegenheit sein, ein wenig zurückzublicken. Ich möchte daher im ersten Teil meines Vortrags einen knappen Rückblick in die Entwicklung unserer Sportart geben, ohne jedoch jedes historische Detail akribisch zu würdigen. Vermutlich können sich viele von Ihnen hier und da mit ihrer eigenen HandballBiografie wieder finden. Soviel zur Tradition, aber damit will ich nicht aufhören: Wir müssen uns auch der Zukunftsfähigkeit des Handballs für das nächste Jahrhundert vergewissern. Vielleicht soviel dazu vorab im Bild gesprochen: Der Handball, also unser Jubilar hat die ersten 100 Jahre ganz gut überstanden. Der Jubilar strotzt vor Gesundheit und jugendlicher Frische. Der Jubilar nimmt am sportlichen Leben hierzulande rege teil. Manche beneiden den Jubilar sogar wegen seiner großen internationalen Erfolge in jüngster Zeit. Niemand sieht dem Jubilar das Alter so wirklich an. Oder wie hat es doch unser Generalsekretär Mark Schober neulich in einem Interview formuliert, wenn er sagt: Handball ist zwar hart, direkt, fair und vieles mehr – aber: Handball ist „echt“. Der Jubilar sieht „echt“ aus … er sieht „echt gut“ aus!

Geht das jetzt automatisch die nächsten 100 Jahre so weiter? Keiner von uns kann darauf heute eine Antwort geben. Aber wir können heute schon einige Meilensteine auf dem Weg in das nächste Jahrhundert setzen, um die Zukunft des Handballspiels sicherer zu machen. Dazu will ich Ihnen speziell im zweiten Teil meines Vortrages ein paar erste Hinweise geben; alles hoffentlich so schön verpackt, dass es der Jubilar als „echtes Geschenk“ annimmt. Mein Vortrag ist also ganz einfach gegliedert: erst der Blick zurück, dann der Blick nach vorn.

Foto: Sascha Klahn

2. Blick zurück: Wie hat sich der Handball bei uns entwickelt?

Morgen vor genau hundert Jahren hat der „Ausschuss für das Frauen und Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ auf einer Sitzung im Lehrvereinshaus ganz hier in der Nähe in der Alexanderstraße 41 die ersten Handballregeln beschlossen. Initiator und Autor dieser Regeln war Max Heiser in seiner Funktion als Frauenturnwart im Kreis IIIb der Deutschen Turnerschaft. Der MännerHandball in Deutschland wurde erst zwei Jahre später erfunden: Im Frühjahr 1919 erhielt der Berliner Sportlehrer Carl Schelenz vom Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (das war Carl Diem) den Auftrag, das DamenHandballspiel zu einem „Kampfspiel“ für Männer (auf Großfeld und draußen) zu erweitern. Soweit die historischen Fakten; ich überspringe jetzt Jahre und Jahrzehnte in politisch schlimmen und schwierigen Zeiten und betrachte gleich die Zeit der großen spielimmanenten Wende:

Wir schreiben den 23. September 1967. Das ist 50 Jahre her: Endspiel um die deutsche Meisterschaft im Feldhandball: Grün Weiß Dankersen wird erstmals Deutscher Meister vor 22.000 Zuschauern am Bieberer Berg in Offenbach nach einem 19:16Sieg im Finale gegen den TV Großwallstadt. Herbert Lübking und Josef Karrer sind stellvertretend zwei Spielernamen, die uns bis heute aus dieser Zeit geläufig sind. Zu den Absteigern aus der Bundesliga gehörten damals übrigens die Reinickendorfer Füchse und der Berliner SV 1892. Ich verbinde damit u.a. Namen wie die Brüder Diethard und Detlef Finkelmann sowie Hotti Käsler, einen unserer früheren Bundestrainer.

Die 1960er Jahre kündigen das schleichende Ende des Großfeldspiels bzw. den Übergang an zum Hallenhandball, wie man damals noch sagte, um den feinen Unterschied zu betonen. Feldhandball litt immer mehr unter einem Attraktivitätsverlust: das langweilige und zweikampfarme Passspiel im Mittelfeld, die Witterungsabhängigkeit und damit zusammenhängend die buchstäbliche „Unfassbarkeit“ des Balles etc. Das Spiel in der Halle hat sich bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach parallel zum Großfeld entwickelt. Die Gründung der HallenhandballBundesliga vor 51 Jahren hat das Ende des Feldhandballs nochmals beschleunigt. Aber es kam noch eine ganz andere sportpolitische Entwicklung hinzu, die für das Handballspiel geradezu als ein „JahrhundertGlücksfall“ gewertet werden darf: 

Im Zuge des sog. Goldenen Plans der Deutschen Olympischen Gesellschaft wurden in der Bundesrepublik immer mehr gedeckte Sportstätten gebaut und damit für eine Sportstätteninfrastruktur gesorgt, die es bis dahin in unserem Land nicht gab. Erst dadurch konnte das Spiel auf kleinem Feld so richtig ankommen. Es weckte neues Interesse bei den Menschen im Verein, aber auch im Schulsport. Es schien plötzlich wahnsinnig attraktiv zu sein, sich den Ball auf engerem Raum und über feste Positionen möglichst schnell mit der Aussicht auf einen erfolgreichen Torwurf zuzuspielen – der Gegenstoß (seinerzeit oft auch „Harpune“ genannt) war und ist bis heute neben dem KempaTrick wohl das auch für die Zuschauer eindrucksvollste Angriffsmittel, zumal die Rollendifferenzierung in „nur“ Angriffsspieler und „nur“ Abwehrspieler wie auf dem Feld fortan entfiel. 

Weiteren Aufschwung erhielt die Entwicklung des Handballspiels (Willi Daume, unserem ersten DHBPräsidenten sei Dank!) durch die Wiederaufnahme in das Programm der Olympischen Spiele. Wir erinnern uns: 1936 erstmals GroßfeldHandball in Berlin mit Gold für das deutsche Team und 1972 erstmals Hallenhandball in München mit Jugoslawien als Olympiasieger und Vlado Stenzel als Trainer. Die weitere Professionalisierung des Spiels nahm ihren Lauf. Das Spiel machte in der Halle „Karriere“. Ich breche die Chronologie hier ab – denn:

Der Sport generell und damit der Sport im Verein in Westdeutschland verzeichnete in den 1970er Jahren ein rasantes Wachstum: Von 1960 bis 1970 konnte der Deutsche Sportbund seine Mitgliedschaftszahlen verdoppeln. Dafür gibt es mehrere Gründe – ganz abgesehen davon, dass die geburtenstarken Jahrgänge der 50er Jahre die Grundgesamtheit der potenziell sporttreibenden Menschen per se vergrößerten. Der Sport fand zunehmend öffentliche Akzeptanz und Verbreitung: „Versportlichung des Sports“ wird dieser Prozess auch heute noch genannt. Er schließt neben der medialen Aufbereitung und der Expansion als ein Wirtschaftsfaktor sogar die Verwissenschaftlichung ein – 1968 wurde die erste Sportprofessur in der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Tübingen eingerichtet (und mit einem Handballer besetzt). Dass diese Entwicklung auch politisch durch den OstWestSystemvergleich (DDR gegen BRD) unterfüttert wurde, muss ich hier nicht ausdrücklich betonen.  

In den 1970er Jahren gab es noch eine ganz andere Entwicklung im Sport, die das Handballspiel – soviel lässt sich aus heutiger Sich sagen – ganz gut überlebt hat: Es kam nämlich damals zu einer Ausdifferenzierung der Motive des Sporttreibens und zur Vermehrung seiner Angebote – vom bestehenden Wettkampfsystem bis zum neuartigen Kurssystem. Die seinerzeit vom Deutschen Sportbund (DSB) verbreitete Formel „Sport für alle“ bringt diese Entwicklung einprägsam auf den Punkt. Sie geht einher mit der sog. TrimmDichBewegung des DSB. Das Besondere und total Neue damals war die Vorstellung, dass man Sport nicht nur im Verein, sondern auch unabhängig von ihm außerhalb betreiben konnte: irgendwo draußen, allein oder mit irgendwem. Trimmy hat das Sporttreiben in Deutschland individualisiert. Sie werden zu recht fragen: Was hat das alles mit dem Handballspiel zu tun? Handball hat sich durch die TrimmDichBewegung nicht wesentlich geändert wie etwa die Laufbewegung außerhalb des Deutschen LeichtathletikVerbandes. Damit leite ich über zum zweiten Teil des Vortrags:

Foto: Sascha Klahn

3. Blick nach vorn: Wie lässt sich die Zukunft des Handballs sichern?

Ich hatte in der Einleitung angekündigt, einige Hinweise zu geben, die als Stellschrauben für die Zukunftsfähigkeit des Handballspiels dienen können. Ich beschränke mich auf sechs Punkte. Dazu nutze ich das Bild der 3:3 Angriffsformation, wo ich jeweils schlaglichtartig die Punkte ansiedele. Das Tor bleibt leer und die Auswechselbank unbesetzt. Dort können Sie später weitere Ihnen wichtige Punkte vermerken. Doch jetzt erst mal der Reihe nach:

 

(1) Handball als IndoorSportart Nummer eins zelebrieren … (RL)

Lassen wir also gleich die Macht der großen Zahlen spielen: Mit dem Fußball müssen wir uns nicht vergleichen. Wenn wir aber alle sog. Großen Sportspiele hierzulande allein mit Hilfe der Mitgliederstatistik des DOSB tabellarisch ordnen, dann sind wir nach Fußball mit deutlichem Abstand die Nummer zwei. Nehmen wir nur jene Ballspiele, die nur in der Halle ausgetragen werden, dann sind wir sogar die Nummer eins. Ich weiß, ich erzähle Ihnen nichts Neues, ich will aber das sportpolitische Pfund damit in die Waagschale legen, mit dem wir wuchern können. Ich will die Grafik auch nutzen, um auf ein Phänomen aufmerksam zu machen, das die Zahlen nicht nennen: Betrachten Sie einmal die Ballspiele und nehmen Sie gern Tennis und Badminton noch dazu und fragen danach, ob und ggf. wie viele Menschen geschätzt das Spiel auch außerhalb von Verein und Verband betreiben … Richtig: Danach sind wir unangefochten die Nummer eins in umgekehrter Rangfolge, weil abgesehen von der Schule sonst kaum oder gar nicht in Deutschland außerhalb der Verbandsregie irgendwo Handball gespielt wird.  

Warum nutzen wir diese VormachtStellung nicht noch offensiver? Warum bauen wir darauf nicht eine Kampagne zur weiteren Mitgliedergewinnung auf, um dem demografischen Wandel zu trotzen und jene Menschen zu erreichen, die uns bisher fern stehen? Schöne Slogans lassen sich allemal schnell finden. Wie wäre es z.B. mit … „Handball – bei uns immer in guten Händen!“ oder „Seit 100 Jahren in festen Händen“! Die Macht der großen Zahlen ist ein Fundament, auf das die Marke Handball zukünftig aufbauen kann – erst recht, wenn die Mitgliederentwicklung rückläufig ist.

 

(2) Hallen als „tragende Säulen“ des Spielfeldes reklamieren (RM)

Ohne Hallen keine Handball. Sporthallen sind der Garant für die Existenz unserer Sportart. Sie sind – um im Bild zu sprechen – die „tragenden Säulen“ des Spielfeldes. Ich hatte eben vom Goldenen Plan gesprochen, der längst in die Jahre gekommen ist und damit auch unsere Sporthallen, die weitgehend in den 1970er Jahren entstanden sind. Der DOSB hat bundesweit einen Sanierungs und Modernisierungsstau im Umfang von rund 42 Milliarden Euro errechnet. Einen „Goldenen Plan 3.0“ hat die Bundesregierung wegen NichtZuständigkeit abgelehnt. Der DOSB fordert daher erst recht eine „Nationale Allianz zur Sportraumentwicklung“. Ich halte es für dringend angezeigt, dass wir hier für den Handballsport Flagge zeigen und kämpfen. Wenn nicht wir, wer dann …wir müssen heute dafür sorgen, dass Handball morgen weiterhin in attraktiven Sportstätten stattfinden kann. Wir alle kennen das Bädersterben, eine Sporthallensterben darf es aus Sicht des Handballs nicht geben …

 

(3) Handball als typische Vereinssportart kultivieren … (RR)

Handball ist eine typische Vereinssportart. Handball ist eingebettet in ein vereinsübergreifendes verbandliches Wettkampfsystem. Da ist das Herzstück unserer Sportart angesiedelt. Das hat sich in den letzten 100 Jahren etabliert. Diese Tradition brauchen wir auch in der Zukunft. Wenn das Spielsystem verschwindet, verschwindet unsere Sportart. Daher gilt es, Handball als Vereinssportart mit seinem Wettkampfsystem zu kultivieren. Handball muss auch in dieser Hinsicht „echt“ bleiben … Das ist eigentlich ganz einfach. Ich gebe Ihnen ein Beispiel als Kontrast: Die TrimmDichBewegung hat auch die Karriere der Laufbewegung hierzulande mit ausgelöst. Die LeichtathletikVereine konnten davon nicht groß profitieren. Laufen kann man heute überall auch ohne Verein, selbst für die Teilnahme an Volksläufen braucht man keinen Starterpass eines Verbandes. Der Handballsport ist von diesem „Ausverkauf“ nicht betroffen und muss auch keine Konkurrenz von anderen Sportanbietern befürchten. Leichtes Spiel also … 

 

(4) „Handball ist mehr …!“ offensiv präsentieren (RA)

Die grundsätzliche Aufgabe von Sportvereinen besteht darin, Räume zur sportlichen Betätigung unter fachkundiger Anleitung anzubieten, und zwar für alle Menschen, junge und ältere, Männer und Frauen, Alteingesessene und neu Hinzugezogene und egal auf welchem Niveau und gleich aus welchem individuellen Interesse. Sportvereinen wird unterstellt, für die Menschen, die sie aufsuchen, eine wertvolle Lebenshilfe zu sein. Sportvereine produzieren somit einen Mehrwert. Sie können mit ihren je spezifischen Angeboten an Sport und Bewegung ein „Mehr an Gesundheit“, ein „Mehr an Integration“ und ein „Mehr an Gemeinschaft“ schaffen. Sie bieten in der Summe damit ein „Mehr an Lebensqualität“ für ihre Mitglieder. Das scheint heute gefragter denn je zu sein … Der Handballsport ist darin bestens eingeschlossen.

Ich will das mit einem Beispiel unterfüttern. Vor einiger Zeit hat Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, in einem Interview mit der FAZ auch über seine eigene Handballkarriere als Torwart bei schwäbischen TSV Bad Urach geplaudert. Er berichtet darin über tolle Fahrten zu Turnieren, die an sich schon ein Erlebnis für ihn waren. An einer Stelle sagt er dann wörtlich über seinen Handballsport: „Er war ein Ausgleich. Gerade für jemanden, der in manchen Schulfächern nicht so gut war, hat dies das Selbstwertgefühl gestärkt. Ich habe Regeln gelernt, Disziplin, habe Freundschaften geschlossen, wurde motiviert. Ich bin dankbar dafür, dass ich das erfahren habe“. „Handball ist mehr …“ dahinter steckt offenbar etwas von dem, das eben nicht nur in Form von Toren und Punkten produziert wird. Damit leite ich über:   

 

(5) … sich für das humane Kapital im Handball engagieren (KM)

Sportvereine sind weder eine ambulante Klinik gegen alle möglichen Krankheitskeime noch eine ferngesteuerte Reparaturwerkstatt gegen soziale Einsamkeit oder soziale Gewalt. Gesundheit, Integration und Gemeinschaft stellen sich auch hier nicht automatisch ein. Sie müssen stets pädagogisch imprägniert sein. Sie beinhalten einen Selbstanspruch. Dieser drückt sich in der Verbindlichkeit und in der Glaubwürdigkeit jener Menschen aus, die im Sportverein zusammenkommen und zusammenwirken. Denn: Die Mitglieder eines Vereins bilden eine ganz besondere Form von Gemeinschaft, die logischerweise ohne die Fokussierung auf Sport überhaupt nicht zustande käme. Das gilt genauso im Handball für jede Abteilung und für jede Mannschaft als verbindendes Element. Das ist das Fundament für das humane Kapital, das es im Handball zu stärken gilt. 

Aber diese Gemeinschaft stiftende Leistung ist nur so gut und nur so groß, wie das Engagement derjenigen, die bereit sind, daran stetig mitzuwirken und in sozialer Mitverantwortung zu handeln. Das soziale Kapital des Sportvereins lässt sich vermehren, es kann aber auch rasch verzehrt sein. Anders als in der Fitnessbranche, die ohne dieses besondere soziale Kapital auskommt und ihr Kapital wesentlich in Euro vermehrt, werden im Handballsport alle organisatorischen Leistungen für Training und Spiel hauptsächlich über das soziale Kapital produziert, gerade weil ein Verein in aller Regel kein Wirtschaftsunternehmen ist wie eine FitnessStudioKette. Damit das weiterhin so funktioniert, müssen zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein:

(a) Die erste Voraussetzung bezieht sich auf die persönliche Leidenschaft, auf die Liebe zur Sache, also die „echte“ Liebe zum Handball. Wir alle sind mit ganzem Herzen Handballerin oder Handballer …  

(b) Die zweite Voraussetzung für freiwilliges Engagement ist das Umfeld, die soziale Infrastruktur, in der der Handball stattfindet. Wo wir oft und immer wieder gern zusammenkommen, fällt es uns leichter, sich auch außerhalb des Spielfeldes irgendwie einzubringen. Dabei gilt: Wo andere schon mit viel Engagement im Einsatz sind, fängt man selber viel leichter Feuer.

Diese humane Ressource ist die Zukunftsaktie des Handballsports. In sie muss verstärkt investiert werden, zumal es inzwischen empirische Nachweise dafür gibt, dass das ehrenamtliche Engagement (gerade auch im Sport) in den letzten Jahren bundesweit rückläufig ist.

 

(6) Handball … mittendrin in der Gesellschaft positionieren (LA)

Sportvereine sind mittendrin in unserer Gesellschaft. Gilt das dann auch speziell für den Handballsport? Vielleicht liegen hier noch bisher unentdeckte Entwicklungspotenziale und Möglichkeiten für neue Allianzen beispielsweise auf dem Gebiet der Zusammenarbeit von Schule und Verein durch den Ausbau von Ganztagsschulen. Migration und Inklusion sin weiter wichtige Stichworte. Ich bin sicher, Sie haben noch viele andere Themen vor Augen, egal ob diese dann in ein Projekt oder in einer Hochglanzbroschüre münden. Doch damit allein ist es nicht getan. Alle Initiativen, so gut gemeint sie im Einzelfall auch sein mögen, sind daran zu messen, inwiefern sie das Kerngeschäft des Handballs sichtbar machen und bereichern, um den Handball dadurch noch besser mitten in der Gesellschaft zu positionieren.

Damit habe ich alle sechs Angriffspositionen besetzt. Reduziert man jede Position auf die spezifische Tätigkeit auf dem Weg in die Zukunft, dann müssen wir unser Handballspiel der Reihe nach rückwärts: in der Gesellschaft positionieren, uns für das humane Kapital engagieren, das „Handball ist mehr …!“ offensiv präsentieren, den Handball als typische Vereinssportart kultivieren, die Sportstätten dafür reklamieren und schließlich Handball als größte HallenMannschaftssportart zelebrieren. Das alles sind Aufgaben, Handball als eine „echte“ Marke zu gestalten. Ich fürchte nur, die Liste ist noch längst nicht vollständig. Die Mannschaftsaufstellung – um im Bild mit den Angriffspositionen zu bleiben – ist ja noch nicht komplett. Das Tor ist frei, die Auswechselbank leer. Sie sollten Sie bei Bedarf mit weiteren Aufgabenfeldern füllen.

Foto: Sascha Klahn

4. Ausblick

„Zukunft braucht Tradition“ ist mein Vortrag überschrieben. In der Zukunft brauchen wir immer mehr auch junge Menschen, die sich aus Tradition dafür einsetzen, um Handball als ein „Kulturgut unserer Zeit“ zu pflegen und zu fördern. Es werden Menschen wie Sie gebraucht, die bereit sind, den Handball in die Hand zu nehmen, um – gestatten Sie mir am Ende noch dieses simple Wortspiel – als „Handlanger“ des Handballsports engagiert und verantwortungsvoll mitzuwirken – damit der Handball auch weiterhin in Deutschland „in guten Händen“ liegt, bei Ihnen und allen, die uns nachfolgen im neuen Jahrhundert: Dem Handballsport und Ihnen allen dazu nochmals meine herzlichen Glückwünsche!

Anzeige
goldgas
DHB Adventskalender
Hanniball