Horst Spengler springt beim 18:13-Erfolg gegen das damalige Jugoslawien in den Kreis. - Foto: Fotosammlung Eggers

29.01.2018 · Slider, Home, Verband · Von: ee

Mottowoche zum WM-Titel 1978, Folge 1: Die Methoden des „Magiers“

Vor 40 Jahren gewann eine DHB-Auswahl das erste Mal die Weltmeisterschaft – der sensationelle 20:19-Sieg gegen die Sowjetunion am 5. Februar 1978 war ein Erweckungserlebnis für den westdeutschen Hallenhandball. Autor Erik Eggers blickt in einer Serie auf dieses „Wunder von Kopenhagen“ zurück. 

 

 

Sie trugen ihn, den Jüngsten, nach Schlusspfiff auf Schultern. Der Nobody Arnulf Meffle hatte im letzten Gruppenspiel der IX. Handball-WM 1978 die stolzen Jugoslawen, den Olympiasieger von 1972, fast allein besiegt. Der Rechtsaußen mit dem großen Gespür für die Situation hatte als vorgezogener „Indianer“ dem jugoslawischen Positionsangriff fünf Bälle gestohlen und allesamt per Tempogegenstoß verwertet. Sieben Mal traf er insgesamt beim klaren 18:13-Sieg in Odense.

Und so verhieß die Geburtsstadt des dänischen Volksdichters Hans Christian Andersen den Aufbruch in ein sportliches Märchen. Weil die DHB-Auswahl mit 2:0-Punkten in die Hauptrunde ging, „ist für uns wirklich alles drin“, strahlte Erhard Wunderlich, der Jungstar vom VfL Gummersbach. Auch Bundestrainer Vlado Stenzel, der schon 1974 von der ZEIT als „Magier“ gefeiert wurde, war optimistisch.

Dem Coach eilte seinerzeit der Ruf des besten Trainers der Welt voraus. Er hatte die DHB-Auswahl, die bei der WM 1974 in der DDR ein Debakel erlebt hatte, um junge Talente wie Joachim Deckarm, Heiner Brand, Kurt Klühspies und Arno Ehret neu aufgebaut und ihnen mit vielen Siegen und harten Lehrgängen enormes Selbstvertrauen verliehen. „Stenzel war im Prinzip der erste Trainer in der Bundesrepublik, der richtig Hallenhandball trainieren ließ“, erinnert sich Heiner Brand.

Ein Meilenstein auf dem Weg in die Weltspitze markierten die beiden mythischen Duelle in der Olympiaqualifikation gegen die DDR. Die Spieler hatten sich vor der Auslosung vor der DDR gefürchtet. „Wir waren Nichts, die DDR war Vizeweltmeister“, erzählt Brand. Stenzel aber jubelte über das Los. „Die werden Fehler machen“, prophezeite er und plante generalstabsmäßig.

So schickte er Torhüter Manfred Hofmann zum Karpatenturnier, um vor dem Hinspiel in München (17:14) die DDR-Werfer auszuspionieren. Vor dem Rückspiel in Karl-Marx-Stadt ordnete Stenzel in Testspielen die Schiedsrichter an, alles gegen sein Team zu pfeifen. Auch die zu erwartende feindselige Atmosphäre ließ er über Lautsprecherboxen simulieren. Und er ließ Lebensmittel mitnehmen, weil er die Vergiftung seiner Spieler fürchtete.

Am Ende spitzte sich dieser Klassenkampf, der live in der ARD-Sportschau übertragen wurde, auf eine einzige Szene zu: jenen berühmten Siebenmeter, den Hofmann mit seinem linken Knie gegen Hans Engel hielt und so das Montreal-Ticket sicherte. Eine olympische Medaille wurde zwar knapp verpasst. Aber Deckarm, Spengler & Co. glaubten an alles, was Stenzel ihnen sagte.

Nach Montreal war das Team, als mit Meffle, Wunderlich, Gerd Rosendahl, Claus Hormel und Manfred Freisler fünf Junioren hinzustießen, noch einmal gewachsen und wurde immer selbstbewusster. „Ich wollte Weltmeister werden“, erzählt Meffle. Die WM-Vorrundensiege gegen die CSSR (16:13), Kanada (20:10) und Jugoslawien waren dafür eine famose Ausgangslage. Sie waren gerüstet für die dramatischste Hauptrunde der WM-Geschichte.

Erik Eggers ist Autor zahlreicher handballhistorischer Bücher. Zuletzt hat er „Mythos ’78. Der Triumph der deutschen Handballer bei der WM 1978“ (www.eriksbuchregal.de) veröffentlicht.

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