Kurt Klühspies im Zweikampf. - Foto: Fotosammlung Eggers

31.01.2018 · Slider, Home, Verband · Von: ee

Mottowoche zum WM-Titel 1978, Folge 2: Dank Brands Coolness: Remis gegen die DDR

Vor 40 Jahren gewann eine DHB-Auswahl das erste Mal die Weltmeisterschaft – der sensationelle 20:19-Sieg gegen die Sowjetunion am 5. Februar 1978 war ein Erweckungserlebnis für den westdeutschen Hallenhandball. Autor Erik Eggers blickt in einer Serie auf dieses „Wunder von Kopenhagen“ zurück. 

Am Ende verdichtete sich alles in einer Szene. In der Erzählung des innerdeutschen Duells vom 31. Januar 1978 in Kopenhagen geht es bis heute um die Vorgeschichte des Treffers, den Heiner Brand zum 14:14 (7:9)-Remis gegen die DDR erzielte. Ausgangspunkt: ein Freiwurf für die DDR in der 57. Minute. Daraufhin nahm DDR-Linksaußen Hartmut Krüger das Spielgerät auf und rollte es an der Neunmeter-Linie entlang zu Hans Engel. In diesem Moment löste sich Brand aus dem Deckungsverband, schnappte sich den Ball und startete zum Tempogegenstoß, einen konsternierten Gegner zurücklassend.

„Ich sah, dass der Ball gespielt war und rollte. Klar, dass ich zugriff“, sagt er nach der Partie. Brand war förmlich mit dem Ball ins Tor gesprungen. Er kollidierte mit Keeper Wieland Schmidt, dem überragenden Spieler der Partie. „Es war wohl eines meiner wichtigsten Tore in der Nationalmannschaft“, meinte Brand. Dass der „beste Abwehrspieler der Welt“ (Bundestrainer Stenzel) den Endstand herstellte, passte zu diesem Spiel, das keine große Handballkunst bot, sondern Kampf und Härte.

Einen Vorgeschmack auf das, was da kommen würde, erlebte Deckarm beim Stand von 1:2, als Günther Dreibrodt ihn brutal foulte. Erstmals im WM-Turnier geriet der Außenseiter unter enormen Druck. Und da Torwart Manfred Hofmann nicht zur gewohnten Superform fand, ersetzte ihn Stenzel beim Stand von 2:4 durch Rudi Rauer. Doch auch der Wellinghofener bekam zunächst kaum einen Ball in die Finger und landete beim Stand von 6:9 (26.) wieder auf der Bank. Stenzel suchte verzweifelt nach einem Torwart.

Es war Kurt Klühspies, dessen Durchbrüche mit Toren und Siebenmetern belohnt wurden – fünf Mal traf der Großwallstädter in seinem besten Turnierspiel. Meffle, grippegeschwächt, kam nicht an Schmidt vorbei, klaute sich aber erneut drei Bälle vom Gegner. Doch lief der zweite Keeper Rauer rechtzeitig heiß.

Als DDR-Kapitän Wolfgang Böhme beim Stand von 11:13 (46.) per Siebenmeter die Vorentscheidung besorgen konnte, blieb Rauer einfach stehen – der Ball landete mit voller Wucht im Gesicht. Der Gesichtstreffer weckte den Torwart, der sich nur kurz schüttelte, endgültig auf. Dennoch sah es düster aus, als Krüger einen Siebenmeter zum 12:14 (51.) verwandelte.

Aber Rauer entschärfte dann einen Tempogegenstoß Dreibrodts. Und als Erhard Wunderlich einen Abpraller nach Siebenmeter zum 13:14 netzte, konnte Brand mit seinem frechen Geniestreich tatsächlich ausgleichen. Die letzten 210 Sekunden verliefen dramatisch: Der junge Ingolf Wiegert scheiterte aus der Nahwurfzone an Rauer, Wunderlich jagte einen einfachen Pass fast an die Hallendecke.

Am Ende wahrte das Stenzel-Team die Finalchance, weil es bei 3:1-Punkten immer noch vor der DDR lag. Zudem war das Olympiaticket für Moskau für beide deutsche Teams perfekt. „Gut, dass es vorbei ist“, schnaufte Rauer. „Das Unentschieden war für uns wie ein Sieg“, freute sich Stenzel. Nun ging es in der Partie gegen Rumänien um alles.

Erik Eggers ist Autor zahlreicher handballhistorischer Bücher. Zuletzt hat er „Mythos ’78. Der Triumph der deutschen Handballer bei der WM 1978“ (www.eriksbuchregal.de) veröffentlicht.

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