Gaugisch: „Alles schnell wieder auf ein gutes Level bringen“
Nach fünfmonatiger Pause stehen in Spanien die ersten Länderspiele der neuen Saison für den WM-Zweiten an
166 Tage liegen zwischen dem letzten und dem nächsten Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, dem 45:25 im finalen EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien in Hamm und dem ersten von zwei Testspielen am Freitag in Spanien. Mehr als fünf Monate haben sich Antje Döll & Co. nicht getroffen. Eine lange Zeit, in der zum Beispiel die deutsche U20 den WM-Titel gewann, Aimée von Perreira ihr Karriereende bekanntgab oder einige Nationalspielerinnen ihre Vereine wechselten.
Nun ist die Sommerpause vorbei, und der Blick geht bereits in Richtung Jahres-Höhepunkt, der Europameisterschaft im Dezember: Das Team von Bundestrainer Markus Gaugisch traf sich am Montag zum Lehrgang in Großwallstadt, am Mittwoch geht es nach Granollers. Dort startet die DHB-Auswahl mit einem Doppelpack gegen Spanien am Freitag und Sonntag in die neue Länderspielsaison. Die erste Partie im Palacio de Deportes in Granollers wird am Freitag um 19.30 Uhr angepfiffen, am Sonntag um 11.30 Uhr folgt der zweite Vergleich. Beide Spiele werden live bei Joyn und Dyn übertragen.
„Wir hatten fünf Monate kein Zusammentreffen und wir haben ein paar Dinge in verschiedenen Bereichen, die uns vom früheren Playbook unterscheiden. Wir haben zwar unsere DNA in verschiedenen Spielphasen, aber wir müssen alles schnell wieder auf ein gutes Level bringen“, umschrieb Gaugisch beim digitalen DHB-Medientermin am Dienstag die Aufgabe von Trainerstab und Mannschaft. Dass sich alle auf dieses Wiedersehen in Großwallstadt gefreut haben, unterstreicht auch Nationalmannschaftsmanagerin Anja Althaus: „Man hat gemerkt, dass alle froh sind, wieder da zu sein, weil die Pause echt lang war. Alle haben Bock, weiterzumachen. Die Energie ist einfach da. Alle haben Lust zu trainieren, haben Lust weiterzuarbeiten und freuen sich auf alles, was kommt.“
Mit den Partien gegen Spanien startet die Serie von Tests gegen hochkarätige Gegner mit Blick auf die EM im Dezember, bei der die deutsche Mannschaft in der Vorrunde in Bratislava auf Schweden, Serbien und Gastgeber Slowakei trifft. „Spiele gegen Mannschaften, die hohe Qualität haben, bringen natürlich viel mehr Rückmeldung“, sagt Gaugisch: „Wenn man zurückschaut, zum Beispiel auf die Partie in Hamm gegen Belgien. Da kann man was probieren, aber im Endeffekt ist es eben so, dass man sehr genau analysieren muss, um etwas Brauchbares für die Zukunft rauszuziehen. Das wird jetzt anders. Spanien, Dänemark, Niederlande und Frankreich sind Top-Gegner, in die uns fordern werden und dann ist die Rückmeldung natürlich eine viel präzisere, weil du mit Unsauberkeiten nicht zum Erfolg kommst. Das ist, was die Spielerinnen in der Champions League auch erleben. Sie müssen immer ans Limit, um erfolgreich zu sein.“
Spanien hat nach Rang 14 bei der WM in Deutschland den Trainer gewechselt, nun zeichnet der bisherige Juniorentrainer Joaquín Rocamora für die „Guerreras“ (Kämpferinnen) verantwortlich: „Spanien befindet sich im Umbruch, der neue Trainer ist ein wirklicher Fuchs. Und Spanien hat ein klares Handballsystem, das durchgängig zu sehen ist von der U16 bis in die A-Nationalmannschaft mit einer extremen Orientierung auf physisch sehr, sehr starke Kreisspielerinnen“, lobt der Bundestrainer den Gegner.
Eine der Hauptaufgaben wird es sein, eine teilweise neue Abwehr zu formen – nach dem Karriereende von Aimée von Pereira und der aktuellen Babypause von Xenia Smits. „Defensiv fehlen zwei Spielerinnen, die einen sehr, sehr wichtigen Part gespielt haben bei der Weltmeisterschaft im letzten Jahr. Da sind wir gerade dabei, zu schauen, wie wir das am besten auffangen, wer sich eignet, damit diese aktive Deckung, dieses körperlich stabile und robuste Bollwerk, einfach weiter funktionieren kann“, sagt Gaugisch, der unter anderem eine Spielerin für diese Aufgabe im Blick hat: Marie Steffen, die im Sommer vom VfL Oldenburg zu Rapid Bukarest gewechselt ist. „Marie ist eine sehr emotionale, bewegliche und zudem physisch sehr, sehr starke Spielerin, die sich in Bukarest in den ersten paar Monaten noch mal weiterentwickelt hat unter wahnsinnig professionelle Trainingsbedingungen. Sie kann eine sehr gute Rolle für uns spielen kann.“
Weitere Alternative ist die 20-jährige Ida Petzold (TuS Metzingen), die gegen Spanien vor ihren ersten Länderspielen steht: „Sie eine ganz junge Spielerin, die noch nicht über internationale Erfahrungen im Seniorinnenbereich verfügt, aber die ein wahnsinniges Potenzial hat - physisch gut, emotional und begeistert. Sie ist eine Spielerin, die sehr, sehr viel mitbringt“, lobt der Bundestrainer.
Nachdem jene Spielerinnen, die am Sonntag noch Champions League spielten, erst am Montag angereist waren, steht seit Dienstagmorgen der gesamte Kader zur Verfügung, verletzt absagen musste lediglich U20-Weltmeisterin Chiara Rohr von der HSG Bensheim/Auerbach, die neben Marlene Tucholke (HC Leipzig) und Torfrau Marie Weiss (TuS Metzingen) als Trainingsspielerin bis Mittwoch eingeplant war.
Am Dienstag und Mittwoch stehen zwei Einheiten auf dem Programm, am späten Mittwochnachmittag hebt von Frankfurt der Flieger nach Barcelona ab, dann geht es mit dem Bus ins benachbarte Granollers, wo am Donnerstag ebenfalls noch einmal trainiert wird. „Wir haben eine gute Lösung gefunden, um die Reisestrapazen so klein wie möglich zu halten“, sagt Anja Althaus, die zudem betont: „Für uns ist es gut, auswärts zu spielen.“ Auch die nächsten Tests finden Ende Oktober in der Fremde statt, bei der Golden League in Odense geht es gegen Gastgeber Dänemark und die Niederlande. Erst die beiden letzten Gradmesser gibt es vor heimischen Fans: Deutschland trifft am 26. November in Stuttgart und am 28. November in Neu-Ulm jeweils auf Frankreich, den WM-Dritten von 2025 (Tickets via dhb.de/tickets).
Bei der EM baut Gaugisch auf den gewachsenen Stamm – 14 Vize-Weltmeisterinnen sind aktuell nominiert – hält aber auch die Tür offen für Neulinge: „Wir setzen auf Kontinuität im Kader. Wir spielen Dinge, die gewachsen sind und haben die Spielerinnen dabei, denen wir zutrauen, diese Qualität zu generieren. Aber das heißt nicht, dass es keine Wechsel geben kann. Wir haben ein Grundgerüst, das stabil ist, und dann werden wir sehen, was die Personalsituation hergibt und wie die Entwicklung in den nächsten zwei Monaten ist. Es geht jetzt Schlag auf Schlag und entsprechend werden einen guten Kader zusammenstellen können.“
(Text: Björn Pazen / Foto: Lars Neumann)