Heike Ahlgrimm zum weiblichen Bundesstützpunkt: "Wir wollen, dass die Spielerinnen oben ankommen"
Auftakt für den weiblichen Bundesstützpunkt in Leipzig: 16 Top-Spielerinnen der Jahrgänge 2010 bis 2012 wurden in Leipzig gesichtet. Heike Ahlgrimm, Chef-Bundestrainerin des weiblichen Nachwuchses, spricht im Interview über die ersten Sichtungstage, das Ziel des neuen Ausbildungskonzept und den neuen Bundesstützpunkt für den weiblichen Nachwuchs.
Frau Ahlgrimm, was steckt hinter dem Konzept der Bundesstützpunkte und was ist das Ziel?
Heike Ahlgrimm: Wir wollen für die besten Nachwuchs-Spielerinnen optimale Trainingsbedingungen schaffen. Wir etablieren an jedem Standort eine Trainingsgruppe, deren Qualität einzigartig sein wird. Das ist für die individuelle Entwicklung ausschlaggebend, die Bundesstützpunkte werden deswegen direkten Einfluss auf die Qualität der Nationalmannschaften haben. Geplant ist, dass die Spielerinnen am Bundesstützpunkt im Jahr 2027 einziehen. Wir wollen zunächst zwei Stützpunkte eröffnen. Einen in Leipzig und einen in Stuttgart. Dort werden die Spielerinnen von Montag bis Donnerstag trainieren und am selben Standort bis Freitag in die Schule gehen. Am Freitagmittag fahren sie dann nach Hause, damit sie am Wochenende in ihren Heimatvereinen spielen können.
Bei manchen Beteiligten gibt es bei diesem Konzept auch Bedenken.
Heike Ahlgrimm: Wir sind davon überzeugt, dass das ein guter Weg ist, denn wir haben in Gesprächen mit allen Jugendnationalspielerinnen gemerkt, dass es Herausforderungen gibt. Dazu zählen viele weite Wege, keine Unterstützung von der Schule, mehrere Ansprechpartner, weil sie in mehreren Vereinen spielen. Das wollen wir damit lösen. So hätten wir hier im Stützpunkt einen zentralen Ansprechpartner in Zusammenarbeit mit dem Verein.
Wir wollen die Spielerinnen zentral und individuell bestmöglich ausbilden. Das bedeutet, dass wir den Fokus dabei auf verschiedenste Dinge legen. Die Spielerinnen bekommen ein Athletikkonzept und ein Konzept für das Training in der Halle. Wir wollen aber auch die Persönlichkeitsentwicklung fördern. Das alles soll Hand in Hand mit der Schule hier vor Ort gehen. Geplant ist ein Rundum-Sorglos-Paket, sodass die Spielerinnen sportlich alles von uns mitbekommen, um irgendwann oben anzukommen.
Wie genau lief der Sichtungstag?
Heike Ahlgrimm: Wir zeigen den Spielerinnen alles und erklären, was auf sie zukommt, sollten sie sich für den Bundesstützpunkt entscheiden. Wir haben ein Athletiktraining und zwei zusätzliche Trainingseinheiten durchgeführt. Außerdem sind wir mit den Eltern essen gegangen und haben das Internat und die Schule gezeigt. Zusätzlich gab es ein Gespräch mit einer Sportpsychologin und eine Laufbahnberatung. Dabei konnten Fragen gestellt werden, wir haben über alles gesprochen, was Spielerinnen und Eltern bewegt.
Welche Spielerinnen waren bei der Sichtung dabei?
Heike Ahlgrimm: Wir haben Spielerinnen angeschrieben und eingeladen, haben aber auch Bewerbungen bekommen. Natürlich muss die Spielerin ein gewisses Niveau haben und in der Vergangenheit schon einmal aufgefallen sein. Außerdem sollte sie auch das entsprechende Ziel haben. Wir haben mit Spielerinnen aus Hamburg, Berlin, Mecklenburg und Thüringen hier eine große Bandbreite vor Ort. Das Ziel ist es, aus den Spielerinnen eine sehr starke Trainingsgruppe zu bilden.
Welche Erwartungen haben Sie an die Spielerinnen?
Heike Ahlgrimm: Konkrete Erwartungen gab es erst einmal nicht. Es ging darum, dass die Spielerinnen hier einfach mit Lust herkommen. Ich freue mich, dass 16 Spielerinnen Interesse am Bundesstützpunkt haben und wir ihnen das zeigen konnten. Wir haben sehr viele Gespräche geführt, auch mit den Eltern, die sagen, dass es ein super Modell ist. Wenn eine Spielerin sich für diesen Weg entscheidet, werden wir natürlich auch mit dem Verein sprechen, denn es geht nur zusammen. Ich bin guter Dinge, wenn wir den Fokus darauf legen die Spielerinnen gut auszubilden, dann wird das hier funktionieren.
Was bedeutet es konkret, wenn man den Spielerinnen helfen möchte, oben anzukommen?
Heike Ahlgrimm: Man muss sich immer fragen, was das Ziel ist und natürlich sagt dann jeder erst einmal, dass er in der deutschen Nationalmannschaft spielen will. Aber da werden natürlich nicht alle ankommen, das wissen wir auch. Wir wollen ihnen alles mitgeben, dass sie es schaffen können. Es liegt dann auch an den Spielerinnen selbst je nach Mindset und Entwicklung. Das Ziel kann für die eine Spielerin schon zweite oder dritte Liga bedeuten. Das ist für jeden unterschiedlich. Und auch wenn eine Spielerin nicht dort ankommt und wir ihr trotzdem eine gewisse Persönlichkeitsentwicklung und gewisse Skills mitgeben konnten, dann ist das schon etwas Besonderes. Wir wollen die Top-Talente begleiten, um natürlich auch die Nationalmannschaft zu stärken, aber da wir wissen, dass nicht jede dort ankommen kann, wollen wir auch kleinere Ziele setzen.
Was ist bei diesem Projekt besonders wichtig?
Heike Ahlgrimm: Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern, den Vereinen und den Landesverbänden, denn wir haben alle das gleiche Ziel. Wir wollen, dass die Spielerinnen top ausgebildet sind und oben ankommen. Und dann ist es auch wichtig, dass wir offen kommunizieren und das große Ganze im Blick haben. Handball ist für mich eine der tollsten Sportarten der Welt und wir können das jetzt weitergeben. Das ist der Auftrag, den wir haben. Also: los gehts, alle zusammen!