Zwei Spielerinnen vor einem großen Screen stehend.
Alina Grijseels (l.) und Sophia Schwabe im gemeinsamen Interview über Förderung im Sport.

„Man sollte nicht fallen gelassen werden“

28.08.2025 | Verband

 

Warum Deutschlands Spitzensportler*innen trotz internationaler Erfolge um Anerkennung und finanzielle Sicherheit kämpfen müssen
 


Die Diskussion ist alt, aber das macht sie nicht weniger wichtig. Wie sollen Profisportlerinnen und Profisportler in Deutschland unterstützt werden? Die Medaillen und Triumphe bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften werden gerne gesehen, wann immer aber der Medaillenspiegel nicht so aussieht, wie Politik oder Öffentlichkeit sich das vorstellen, gibt es Kritik. Aber sportliche Leistung kostet Geld. Beim Treffen von Feldhockey-Nationalspielerin Sophia Schwabe und Handball-Nationalspielerin Alina Grijseels in der Geschäftsstelle des Deutschen Handballbundes (DHB) sprechen die beiden über Schwierigkeiten in der aktuellen Förderung und allgemeine Wertschätzung.


Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, doch viele Profisportler können von ihrem Beruf nicht sorgenfrei leben. Klar, es gibt den Profi-Fußball mit seinen monströsen Gehältern, auch die Männer in der Ersten Bundesliga des Handballs und des Basketballs können problemlos von ihrem Sport leben. Aber dahinter wird die Luft schon dünner. Und für Frauen gilt das noch einmal mehr als für die männlichen Kollegen, hier sprudelt noch weniger Geld. „Ich würde mir definitiv wünschen, dass jede Sportlerin oder auch jeder Sportler in jeglicher Sportart, wenn er das profimäßig macht, dass er das Vollzeit, ohne Hintergedanken, ohne Nebenjob machen kann“, sagt  Grijseels. „Der Fokus auf den Sport muss in Deutschland generell mehr gefördert werden.“

Sophia Schwabe sieht das genauso. „Man repräsentiert sein Land, das ist so groß und riesig, was man da investiert und was man da alles vertritt“, sagt die 22-Jährige. „Man hat eine Vorbildfunktion, nicht nur wenn man auf dem Platz oder in der Halle steht, sondern eigentlich immer. Ich würde mir da ein bisschen mehr Wertschätzung wünschen.“

Die Realität aber ist, dass viele Profisportler in Deutschland von den reinen Gehältern nicht leben können. Wer Glück hat, schafft es in die Fördergruppen wie die der Bundeswehr. Feldhockey-Spielerin Schwabe, Vize-Weltmeisterin und Europameisterin im Nachwuchs und mehrfache Deutsche Meisterin, ist Sportsoldatin. „Ich werde von der Bundeswehr gefördert, was eine besondere Unterstützung ist“, sagt sie. „Vor allem im Frauen-Sport bekommt man nirgends sonst auch nur ansatzweise solch eine finanzielle Unterstützung.“ Auch die Sporthilfe und die Sportstadt Düsseldorf leisten einen Beitrag. Nur so kann sie ihren Sport auf Profiniveau ausüben. „Vor allem während der Sportlaufbahn ist es teilweise vom zeitlichen Pensum nicht möglich, sich ein zweites Standbein aufzubauen“, sagt Schwabe.

Auch Grijseels lobt die Möglichkeiten für Spitzensportler bei der Bundeswehr. „Ich glaube, diese duale Karriere ist einfach wichtig, weil man dann etwas in der Hinterhand hat“, sagt die Rückraumspielerin. „Es kann natürlich auch mit Verletzungen schnell vorbei sein mit der sportlichen Karriere.“ Wer allerdings kein Sportsoldat ist, hat bei der finanziellen Unterstützung während und nach der Karriere Probleme. „Das sollte vielleicht von der Bundesrepublik Deutschland einheitlich geklärt sein, dass für Leistungssportlerinnen und Leistungsportler, die das Land für so lange Zeit repräsentieren, eine Möglichkeit geschaffen wird, dass sie nach der sportlichen Laufbahn nicht in ein Loch fallen“, erklärt Schwabe.

Denn das Kernproblem ist klar: Wenn es für die Zeit nach der Sportlaufbahn keine Absicherung gibt, haben Athletinnen und Athleten zwei Möglichkeiten: Entweder sie arbeiten oder studieren neben der Karriere – darunter können die sportlichen Leistungen aber leiden. Oder ihnen ist das Risiko zu groß und sie verzichten auf eine Profisport-Karriere. Länder, die den Profisport besser finanzieren, haben zwangsläufig eine größere Breite und mehr Qualität in der Spitze auf der Jagd nach Medaillen und internationalen Trophäen.

Um das System in Deutschland zu verbessern, bringt DHB-Spielmacherin Griijseels auch andere Protagonisten ins Spiel. „Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es nicht alle Universitäten unbedingt fördern, wenn man unterwegs ist“, sagt die 29-Jährige. „Wenn man eine EM, eine WM oder Olympia hat und eben für einen gewissen Zeitraum nicht zur Uni gehen kann, aber sein Land repräsentiert, könnte man trotzdem gefördert werden. Da ist in Deutschland noch Luft nach oben.“

Profisport ist ein Vollzeitberuf. Wenn man dafür aber nicht vollwertig bezahlt wird und auch nicht die Zeit hat, die Karriere nach der Karriere vorzubereiten, dann darf es eine Gesellschaft nicht überraschen, wenn sich viele Top-Talente gegen diesen Weg entscheiden. Noch größer ist das Risiko für Frauen. Denn hier kommt das Thema Schwangerschaft hinzu – in manchen Sportarten stehen Profisportlerinnen dann plötzlich ohne Kaderplatz da. „Das ist so krass teilweise“, sagt Schwabe. „Wenn eine Sportlerin sich dazu entscheidet, während ihrer Laufbahn Kinder zu bekommen, dann sollte sie nicht fallen gelassen werden.“ Denn an Kindern hat eine Gesellschaft noch mehr Interesse als an Medaillen.