Der Psycho-Krimi von Karl-Marx-Stadt
Am 6. März jährt sich die legendäre Handball-Entscheidung in der deutsch-deutschen Olympia-Qualifikation 1976
Der 6. März 1976 stellt ein besonderes Datum in der deutsch-deutschen Handballgeschichte dar. Selbst 50 Jahre danach bietet dieses Spiel zwischen der Männer-Auswahl des Handballverbandes (DHV) der DDR und dem Team des Deutschen Handballbundes (DHB) der Bundesrepublik Deutschland jede Menge Narrative.
Rein sportlich ging es bei dieser Partie vor 3.000 Zuschauern in der Eishalle von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) „nur“ um die Teilnahme bei den Olympischen Spielen im Sommer 1976 in Montreal. Die Ausgangslage zwischen DHV und DHB war so: Das DHB-Team hatte das Hinspiel in der Olympiahalle München vor 10.500 Zuschauern im Dezember 1975 mit 17:14 (9:6) für sich entschieden – doch würde das reichen?
Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Die DHV-Auswahl gewann das Spiel zwar mit 11:8 (7:4), aber das reichte am Ende nicht für Montreal, nachdem Hans Engel vom ASK Frankfurt/Oder beim alles entscheidenden Siebenmeter am „goldenen Knie“ von Torwart Manfred Hofmann vom TV Großwallstadt gescheitert war. Das DHB-Team wurde später in Montreal Vierter, während das Frauen-Team des DHV der DDR in Montreal die Silbermedaille holte.
Bis heute haben sich diese beiden deutsch-deutschen Olympia-Qualifikationsspiele von München und Karl-Marx-Stadt als „Kampf der Systeme“ und als „Psycho-Krimi“ in das kollektive Gedächtnis in Handball-Deutschland eingebrannt. Der NDR beispielsweise hat 40 Jahre danach eine Story mit dem Titel „Kalter Krieg – Handball DDR-BRD 1976“ (Autor Peter Carstens) über diesen politischen Klassenkampf auf dem Boden einer Sporthalle ausgestrahlt und dabei Spieler aus beiden Mannschaften als „Zeitzeugen“ zu Wort kommen lassen.
Damals waren nur „reguläre“ (Körper-) Kontakte zwischen den gegnerischen Mannschaften gestattet, die Kommunikation der Aktiven außerhalb des Spielfeldes war für alle sichtbar: einseitig eingefroren. Das hat sich 50 Jahre danach längst gewandelt. Aus „politischen Klassenfeinden“ sind längst „sportliche Freunde“ geworden. Man ist sich näher gekommen in vielen persönlichen Begegnungen, die seit dem Fall der Mauer 1989 sogar im DHB kontinuierlich gepflegt werden.
Der besondere Filzboden in der Münchener Olympiahalle ist dabei immer noch ein Thema wie die Frage, ob und warum in Karl-Marx-Stadt nicht 60, sondern 65 oder sogar 66 Minuten lang gespielt wurde: „Für mich waren die WM-Begegnung 1974 im Fußball und die beiden Qualifikationsspiele im Handball die bedeutendsten Duelle im innerdeutschen Sportverkehr. Beide Ereignisse gingen übrigens ganz anders aus, als die Experten-Erwartungen sie vorausgesagt hatten“, sagt DHB-Präsident Andreas Michelmann heute.
Er hatte als 16-Jähriger das Spiel von Karl-Marx-Stadt vor 50 Jahren im DDR-Fernsehen live verfolgt und ergänzt: „Damals ging es ausschließlich um das sportliche Gegeneinander. Daraus ist längst ein freundschaftliches Miteinander geworden. Heute wird über die beiden Qualifikationsspiele locker geplaudert und herzlich gelacht.“ Eine offizielle Gelegenheit dazu bietet der DHB dafür unter anderem mit seinem „Club 100“ für alle ehemaligen Spielerinnen und -spieler, die es auf mindestens 100 Einsätze im Nationaltrikot hüben (DHB) wie drüben (DHV der DDR) gebracht haben.
Das DHV-Team spielte am 6. März 1976 mit: Wieland Schmidt (damals SC Magdeburg, heute 72 Jahre alt) und Klaus Weiß (SC Dynamo Berlin, 1944-2000) im Tor; Reiner Ganschow (2 Tore, SC Empor Rostock, 80), Peter Rost (1, SC Leipzig, 74), Jürgen Hildebrand (2, SC Dynamo Berlin, 77), Wolfgang Böhme (1, SC Empor Rostock, 76), Wolfgang Lakenmacher (2, SC Magdeburg, 1943-2023), Hans Engel (1, ASK Vorwärts Frankfurt/Oder, 77), Axel Kählert (5/3, SC Leipzig, 75), Jürgen Rost (SC Dynamo Berlin, 82), Rainer Höft (SC Dynamo Berlin, 69), Dietmar Schmidt (ASK Vorwärts Frankfurt/Oder, 73). Trainer Heinz Seiler (1920-2002), Co-Trainer Paul Tiedemann (1935-2014) und Klaus Langhoff (86).
Das DHB-Team spielte am 6. März 1976 mit: Manfred Hofmann (damals TV Großwallstadt, heute 78 alt) und Rudi Rauer im Tor (TuS Wellinghofen, 1950-2014); Joachim Deckarm (5/2 Tore, VfL Gummersbach, 72), Kurt Klühspies (2, TV Großwallstadt, 74), Heiner Brand (1, VfL Gummersbach, 73), Bernhard Busch (GWD Minden, 74), Günter Böttcher (TSV Jahn Gensungen, 1954-2012), Arno Ehret (TuS Hofweier, 72), Jürgen Hahn (SG Leutershausen, 75), Peter Kleibrink (OSC Rheinhausen, 1951-2025), Hans Kramer (GWD Minden, 1948-2013), Horst Spengler (TV Hüttenberg, 76). Trainer Vlado Stenzel (91), Co-Trainer Rudolf Spengler (1928-2019).
Text: Prof. Dr. Detlef Kuhlmann