Marleen Kern: „Wir wissen alle, dass wir ganz vorne mitspielen können“
Als Kapitänin führt sie ihr Team bei der U20-Weltmeisterschaft in China aufs Feld – und spricht zuvor über den Umgang mit der Favoritenrolle.
Seit Jahren ist Marleen Kern fester Bestandteil der Nachwuchs-Nationalmannschaften des DHB, mittlerweile führt die Rückraumrechte die U20-Auswahl sogar als Kapitänin an. Vor ihrer nächsten internationalen Herausforderung spricht die 19-Jährige über ihre Rolle innerhalb der Mannschaft, die gestiegenen Erwartungen nach dem EM-Titel – und darüber, warum sie überzeugt ist, dass dieser Jahrgang noch besser werden kann.
Marleen, es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Auftaktspiel. Reicht sie, um als Team wieder das Niveau des vergangenen Jahres zu erreichen?
Marleen Kern: Ja, mit Sicherheit. Ich bin sogar überzeugt, dass wir noch besser sein werden als letztes Jahr. Alle haben über die Saison hinweg gut trainiert und sich weiterentwickelt. Von Training zu Training merken wir, dass wir Fortschritte machen und besser zusammenfinden. Deshalb bin ich sehr optimistisch.
Wie groß ist deine Vorfreude auf die Weltmeisterschaft?
Marleen Kern: Sehr groß. Ich habe richtig Bock. Vor allem nach dem Erfolg im vergangenen Jahr möchte man dieses Gefühl unbedingt noch einmal erleben.
Erinnerst du dich noch daran, wie du von deiner Nominierung erfahren hast?
Marleen Kern: Ich habe die Mail abends mit meiner Familie zusammen am Esstisch gelesen. Wir haben uns alle sehr gefreut und waren auch erleichtert. Ich wusste, dass es auf meiner Position eng werden würde, deshalb war die Freude umso größer.
Du bist seit vergangenem Jahr Kapitänin. Wie bist du zu dieser Rolle gekommen?
Marleen Kern: Das war relativ spontan. Unsere eigentliche Kapitänin hatte sich verletzt und dann hat Christopher gesagt: „Du bist am längsten dabei, mach du das.“ Seitdem hat es für alle gut gepasst und deshalb bin ich in der Rolle geblieben.
Wie lange bist du schon Teil der Nachwuchs-Nationalmannschaften?
Marleen Kern: Seit der U15 oder U16. Damals war ich schon beim EYOF des älteren Jahrgangs dabei und seitdem war ich bei allen Turnieren.
Empfindest du die Kapitänsrolle als zusätzlichen Druck?
Marleen Kern: Nein, überhaupt nicht. Für mich ist es eher eine Wertschätzung, dass mir diese Aufgabe übertragen wurde. Wenn ich dadurch Druck verspüren würde, wäre ich wahrscheinlich auch nicht die Richtige für diese Rolle.
Welche Rolle nimmst du innerhalb der Mannschaft ein?
Marleen Kern: Ich glaube, ich bin die Mitte zwischen laut und leise. Ich versuche immer positiv zu sein und habe für alle ein offenes Ohr. Gleichzeitig kann ich aber auch ruhig sein und Situationen einfach beobachten.
Braucht die Mannschaft dieses offene Ohr?
Marleen Kern: Gerade vor großen Turnieren merkt man das schon. Wenn noch nicht klar ist, wer mitfährt, oder wenn jemand nach einem Spiel unzufrieden ist, tut es gut, jemanden zum Reden zu haben. Ich glaube, das hilft der Mannschaft.
Was macht dieses Team so besonders?
Marleen Kern: Wir haben einen unglaublich breiten Kader. Jede Spielerin bringt andere Stärken mit. Ich könnte bei jeder einzelne Dinge aufzählen, die sie besonders gut kann. Genau das macht uns aus: Wir können viel wechseln, bleiben trotzdem auf hohem Niveau und halten als Mannschaft eng zusammen. Das war schon bei der Europameisterschaft ein großer Erfolgsfaktor.
Was zeichnet euren Jahrgang insgesamt aus?
Marleen Kern: Viele von uns haben schon früh im Frauenbereich gespielt oder mittrainiert – in der ersten, zweiten oder auch dritten Liga. Dadurch lernt man früh, mit Härte und Widerstand umzugehen. Das hebt das Niveau enorm an.
Nach dem EM-Titel gehört ihr nun zu den Favoritinnen. Verändert das etwas?
Marleen Kern: Unterbewusst bestimmt. Wir wissen alle, dass wir ganz vorne mitspielen können und auch wollen. Und die Aufmerksamkeit ist größer geworden, das merkt man. Aber ich bin gespannt, wie sich das im Turnier auswirkt. Das kann auch etwas Positives sein. Bisher spüre ich jedenfalls keinen Druck, der EM-Titel fühlt sich eher an wie Rückenwind.
China wird andere Bedingungen bieten als die EM in Montenegro. Hast du Respekt davor?
Marleen Kern: Natürlich. Der lange Flug, die Zeitumstellung, das Essen, das Klima und die hohe Luftfeuchtigkeit werden ungewohnt sein. Aber einige von uns haben solche Erfahrungen bereits gemacht. Rückblickend macht man sich vorher oft mehr Gedanken, als nötig gewesen wäre. Man arrangiert sich vor Ort und dann funktioniert das auch.
Bist du vor Turnieren noch nervös?
Marleen Kern: Ja, das schon. Allerdings ist es heute deutlich angenehmer als vor meinem ersten Länderspiel. Damals haben wir am Abend vorher sogar noch die Nationalhymne auf unseren Zimmern geübt, weil wir so nervös waren. Inzwischen weiß ich besser, was auf mich zukommt. Trotzdem ist jedes Turnier anders – und deshalb bleibt auch immer eine gewisse Aufregung.
Gibt es einen Moment vom vergangenen Jahr, an den du besonders oft denkst?
Marleen Kern: Ja, definitiv daran, die Europameisterschale in die Höhe zu stemmen. Das war ein sehr prägender Moment.
Du hattest nach der Saison kaum Pause. Spürst du das?
Marleen Kern: Ein bisschen schon. Ich hatte nur eine Woche frei. Aber mein Körper kennt diese Belastung mittlerweile. Ich muss nur wieder in den Rhythmus kommen mit zweimal Training am Tag, Spielen und schneller Regeneration.
Schaust du abseits des eigenen Sports viel Handball?
Marleen Kern: Mal mehr, mal weniger. Natürlich analysiere ich unsere Gegner. Aber ich finde es genauso wichtig, bewusst Abstand vom Handball zu gewinnen und Zeit mit Freunden zu verbringen. Nicht nur der Körper, sondern auch der Kopf braucht Regeneration.
Welche sportlichen Ziele hast du persönlich?
Marleen Kern: Ich möchte den Sprung in die erste Liga schaffen. In der kommenden Saison spiele ich noch in der zweiten Liga, trainiere aber bereits in Bensheim mit. Langfristig wäre die Frauen-Nationalmannschaft natürlich ein Traum, aber das ist noch weit weg. Deshalb denke ich Schritt für Schritt.
Was würdest du jungen Handballerinnen mit auf den Weg geben, die vom Nationaltrikot träumen?
Marleen Kern: Einfach weitermachen. Den Kopf nicht hängen lassen und sich nicht zu sehr von Fehlern runterziehen lassen. Natürlich sollte man reflektieren, aber danach immer wieder nach vorne schauen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.
Was soll nach der Weltmeisterschaft über eure Mannschaft gesagt werden?
Marleen Kern: Dass wir als sehr geschlossenes, gut gelauntes Team aufgetreten sind und dass es Spaß gemacht hat, uns zuzuschauen. Und natürlich, dass wir unseren Erwartungen gerecht geworden sind.